Forschungsbericht des International Poverty Centre der Vereinten Nationen
In seinem im Dezember 2007 veröffentlichten Bericht “Evaluating the impact of Brazil‘s Bolsa Família: cash transfer programmes in comparative perspective” zeigte das International Poverty Centre (IPC) die Auswirkungen des Bolsa-Família-Programms in Brasilien im Vergleich zu anderen Programmen zur Einkommensverteilung in der Region auf.Das IPC ist ein gemeinsames Projekt des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) und der brasilianischen Regierung zur Förderung der Süd-Süd-Kooperation durch Fortbildung und Forschung im Bereich Armutsbekämpfung. Das IPC ist direkt an das Institut für angewandte Wirtschaftswissenschaften (IPEA) angegliedert. Dieses führt für das brasilianische Ministerium für Planung und Haushalt sowie für das Referat Entwicklungspolitiken des UNDP Untersuchungen durch.
Dem o.g. Forschungsbereicht zufolge war Bolsa Família der zweitwichtigste Faktor zur Senkung der Einkommensunterschiede im Land - und dies, obwohl die Transferleistungen lediglich 0,5% des verfügbaren Einkommens der brasilianischen Familien ausmachen. So ist der Gini-Koeffizient Brasiliens zwischen 1995 und 2004 um 4,7% gefallen, allein Bolsa Família hatte daran einen Anteil von 21%.
Das Programm hatte darüber hinaus deutliche Auswirkungen auf die Zahl der Menschen in Armut oder extremer Armut in Brasilien. Bolsa Família zeichnet hier für einen Rückgang um 12% bzw. 19% verantwortlich. Die Transferleistungen von Bolsa Família machen mehr als 10% des Familieneinkommens der ärmsten fünf Prozent der brasilianischen Bevölkerung aus.
Mangelnde Möglichkeiten zur Überprüfung der Bedürftigkeit der Familien wurden in dem Bericht kritisiert. Im Gegensatz zum mexikanischen Programm “Oportunidades” erlaubte das Fehlen rigoroser Bestimmungen jedoch auch, eine größere Zahl Bedürftiger zu unterstützen. Zwar erlaubt das mexikanische Programm eine klarere Bestimmung der Zielgruppen als das brasilianische, es kommt aber auch deutlich weniger Menschen zu Gute.
Während wiederum das chilenische Transferprogramm “Chile solidário” bei den 10-20% der Ärmsten bessere Wirkung entfaltete, galt das bei Bolsa Família für die 30-40% der Ärmsten.
Wie auch im Falle des ecuadorianischen Programms “Bono Solidário” konnte auch bei Bolsa Família kein signifikanter Anstieg der Konsumausgaben verzeichnet werden, außer bei Lebensmitteln, Kinderkleidung und Bildung.
Bolsa Família entfaltete zudem eine positive Wirkung bei der Schulbesuchsquote. Die Rate unentschuldigt fehlender Kinder ist bei den vom Programm erreichten Familien um 3,6% niedriger als bei Familien ohne diese Unterstützung. Gleiches gilt für die Rate der Kinder, die die Schule abbrechen; hier ist die Wahrscheinlichkeit 1,6% niedriger. Mit einem Rückgang des unentschuldigten Fehlens sowie des Schulabbruchs geht allerdings auch ein Anstieg von Wiederholern einher. Dies verdeutlicht, dass dieses ausschließlich nachfrageorientierte Programm allein nicht in der Lage ist, in allen Bereichen des Bildungswesens positive Ergebnisse zu zeitigen.
Der Bericht verweist zudem auf einen weiteren Erfolg von Bolsa Família: Die Teilhabe am Arbeitsmarkt unter den erwachsenen Leistungsempfängern lag 2,6% höher als bei denjenigen ohne Transferbezug, bei Frauen waren es 4,3% mehr als bei Männern. Diese Zahlen widersprechen der Annahme, Transferzahlungen verleiteten die Menschen, nicht zu arbeiten.
Der gesamte Bericht in englischer Sprache kann unter der folgenden Adresse im Internet eingesehen werden: www.undp-povertycentre.org/pub/IPCEvaluationNote1.pdf