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Bildende Kunst

Nach dem Eintreffen der Jesuiten in Brasilien im Jahre 1549 wurde mit dem Bau von Klöstern und Kirchen aus Holz und Lehm begonnen. Erst ein halbes Jahrhundert später entstanden unter der Aufsicht jesuitischer Architekten die ersten dauerhafteren Gebäude aus Stein. Die Missionsorden stellten von Anbeginn ihre reich geschmückte Architektur, ihre religiöse Malerei und Bildhauerkunst ausschließlich in den Dienst der Kirche. Erst mit der Gründung fester Siedlungen entstanden repräsentative Bauten in größeren Ortschaften und Städten. Prägend für die sakrale wie die weltliche Architektur und bildende Kunst in Brasilien blieb während des 17. und 18. Jahrhunderts der Einfluß des europäisch-portugiesischen Barock- und Rokokostils.

Der bedeutendste Künstler der Kolonialzeit war der Architekt und Bildhauer Antônio Francisco Lisboa (1738-1814), besser bekannt als Aleijadinho (”Kleiner Krüppel”). Der Sohn eines portugiesischen Baumeisters und einer Sklavin ging bei seinem Vater in die Lehre, übertraf ihn jedoch bald mit seiner als genial bezeichneten Baukunst, seinen spätbarocken bemalten Holzskulpturen und Steinplastiken. Auch die Krankheit (wahrscheinlich Lepra), die ihn zum Krüppel werden ließ, konnte Aleijadinhos Schaffenskraft nicht brechen. 30 Jahre lang arbeitete er mit Hammer und Meißel, die er sich an die Handgelenke schnallen ließ. Viele Barockkirchen seines Heimatstaates Minas Gerais, besonders in der Stadt Ouro Preto und im benachbarten Congonhas do Campo tragen seine Handschrift. Für die Kirche Bom Jesus de Matosinhos in Congonhas do Campo schuf Aleijadinho zwölf lebensgroße Seifensteinskulpturen biblischer Propheten, die auf der terrassenförmig angelegten Treppe zum Kirchenportal stehen. Die sechs kleinen Kapellen unterhalb der Kirche, in denen die Stationen des Kreuzwegs dargestellt sind, stattete er mit 66 Figuren aus Zedernholz aus.

Schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts wandte sich die bildende Kunst vor allem in Rio de Janeiro (seit 1763 Hauptstadt des Landes) verstärkt weltlichen Themen zu. Parallel zur Errichtung profaner Bauwerke (z.B. der Palast des Vizekönigs und repräsentative Verwaltungsgebäude) entstanden weltliche Bilder und Skulpturen (u.a. Portraits führender Persönlichkeiten). Doch erst mit Beginn des 19. Jahrhunderts werden die Stilmittel des Barock und des Rokoko durch neue, aus Europa einfließende Kunstformen abgelöst.

Die Übersiedlung des portugiesischen Hofes 1808 nach Rio als Folge der napoleonischen Invasion in Portugal leitete einen erneuten “Europäisierungsprozeß” ein, der auch die Kunst verändern sollte. Unter der Ägide des Königs João VI. blühte das geistige und kulturelle Leben in Rio de Janeiro auf, nicht zuletzt durch die Gründung der Königlichen Presse und der Nationalbibliothek sowie durch die Ankunft einer Gruppe renommierter französischer Künstler. Ihr gehörten neben dem ehemaligen Verwalter der napoleonischen Museen, Bibliotheken und Kunstakademien Joachim Le Breton (1760-1819), der Bildhauer und Maler Auguste Marie Taunay (1768-1824), der Architekt Grandjean de Montigny (1776-1850) und der Maler Jean-Baptiste Debret (1768-1848) an. Sie waren maßgeblich an der Einführung eines formellen Kunstunterrichts an Fachschulen (seit 1816), der Gründung einer Kunstakademie (1820) und der Verbreitung des Klassizismus in Brasilien beteiligt. Mit den klassizistischen Ausdrucksformen wandte sich die Kunst volkstümlicheren Sujets zu. Debret, der vielleicht bekannteste dieser französischen Künstler, stellte in seinen Bildern vor allem realistische Szenen aus dem Leben in Rio dar, Volksfeste, Straßenverkäufer und Sklaven. Der Einfluß des von Debret und seinen Kollegen eingeführten Neoklassizismus und der nach europäischem Vorbild entstandenen Akademie waren für die bildende Kunst Brasiliens bis weit in die republikanische Zeit hinein bestimmend.

Erst 1922 rebellierte eine junge, kritische Künstlergeneration auf der “Woche der Modernen Kunst” in São Paulo gegen den übermäßigen Einfluß und Zwang, den die Akademie auf alle Bereiche des künstlerischen Lebens in Brasilien ausübte. Die brasilianische Kultur sollte nicht länger eine Kopie europäischer Stereotypen sein, sondern eigenständig werden. Zwar verschlossen sich die Modernisten nicht den neuesten europäischen Strömungen, doch ihre Motive gingen auf den eigenen Kulturkreis zurück.

Mit der Ausstellung expressionistischer Arbeiten des in Wilna geborenen Lasar Segall (1891-1957) war moderne Kunst erstmals 1913 in Brasilien vorgestellt worden. (Segall siedelte 1923 nach São Paulo über und fand auch mit seinen Bildern brasilianischer Landschaften und Szenen international Beachtung.) Einer der bedeutendsten brasilianischen Modernen, der an der “Woche der Modernen Kunst” teilnahm, war der Maler und Graphiker Emiliano Di Cavalcanti (1897-1976). Was ihn faszinierte, waren das Leben in den Favelas und die Mädchen, besonders die Mulattinnen, auf den Straßen. Seine dekorativen Wandbilder sind von Picasso beeinflußt.

Cândido Portinari (1903-1962), einer der ersten brasilianischen Maler von internationalem Rang, stammte von einer kleinen Kaffeeplantage im Inneren des Staates São Paulo. Soziale Themen und das Leben der einfachen Menschen stehen im Mittelpunkt seiner realistischen Malerei. Diese Motive bestimmen auch Portinaris große Wandbilder. Seinen Farben mischte er schwarze, purpurne, rötliche und gelbe Erde bei, die er sich aus verschiedenen Teilen des Landes kommen ließ. Für die Library of Congress in Washington, D.C., schuf er das monumentale Wandgemälde “Lateinamerika und seine Entdecker”, im Gebäude der Vereinten Nationen in New York gestaltete er ein Wandgemälde, das den Titel “Krieg und Frieden” trägt.

Der Zweite Weltkrieg unterbrach die Verbindungen der brasilianischen Kunst zum internationalen Kunstgeschehen, gleichzeitig aber gaben Künstler, die aus Europa und Japan nach Brasilien geflüchtet waren, neue avantgardistische Anstöße. Die Kunstszene belebte sich nach Ende des Krieges bald, nicht zuletzt dank staatlicher Förderung und neuer Museen, die in Rio de Janeiro und São Paulo mit der Unterstützung von Mäzenen aus der freien Wirtschaft entstanden. Von diesen beiden Zentren moderner Kunst gingen Impulse aus, die Museen in allen Teilen Brasiliens zu Ausstellungen zeitgenössischer Bilder und Skulpturen anregten. Besonders aber die Biennale von São Paulo, die 1951 von Francisco Matarazzo Sobrinho ins Leben gerufen worden war, brachte die brasilianischen Künstler wieder in engen Kontakt mit zeitgenössischer amerikanischer und europäischer Kunst. Darüber hinaus hatte die Biennale von São Paulo, die in den fünfziger Jahren zum künstlerischen Ereignis schlechthin für ganz Lateinamerika wurde, einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung der abstrakten Malerei in Brasilien.

Zeitgenössische brasilianische Maler, Bildhauer und Graphiker sind heute in Galerien und Museen auf der ganzen Welt vertreten. Zu ihnen zählen Lygia Pape, Amélie Toledo, Cildo Meireles, Jac Leirner, Regina Silveira, José Rezende, Waltércio Caldas Jr., Ana Bella Geiger, Rubem Valentim, Glauco Rodrigues, Mário Cravo und Bruno Ceschiati.

 
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