Film
Ein Jahr nach der ersten Filmvorführung der Gebrüder Skladanowsky im Berliner “Wintergarten” wurden 1896 in Rio de Janeiro erstmals kurze filmische Szenen präsentiert. 1897 eröffnete ein Italiener das erste Kino der Stadt, zehn Jahre später hatten sich in Rio bereits 22 Kinos etabliert. Im darauffolgenden Jahr entstand mit dem Einakter “Nho Anastácio Chegou de Viagem“von Julio Ferrez der erste brasilianische Spielfilm. “Os Estranguladores” des Portugiesen Antônio Leal wurde zum ersten großen Publikumserfolg. Obwohl die brasilianische Filmproduktion nie sehr groß und auf dem einheimischen Markt ständig der Konkurrenz ausländischer Filme ausgesetzt war, konnte sie sich zur bedeutendsten Lateinamerikas entwickeln und fand im Laufe der Jahre auch international Anerkennung.
In den zwanziger und beginnenden dreißiger Jahren stellte der brasilianische Stummfilm vor allem das Leben im Nordosten des Landes dar. 1929 drehte der noch nicht zwanzigjährige Mário Peixoto seinen ersten und einzigen Film “Limite”, ein surrealistisches, den Filmen Eisensteins vergleichbares Meisterwerk. Aus kunstvoll miteinander verknüpften Szenen, die keiner chronologischen Handlung folgen, entwirft Peixoto ein Bild menschlichen Leidens an einem unerbittlich zerstörerischen Schicksal.
Mit der Entwicklung des Tonfilms stellte sich die Kinematographie mehr und mehr in den Dienst der Massenunterhaltung. 1933 produzierte das Cinédia-Studio “A Voz do Carnaval” und führte damit das Genre der Chanchada ein, die das brasilianische Kino über viele Jahre dominieren sollte. “Alô, Alô Carnaval”, die wohl beliebteste und finanziell erfolgreichste der Chanchadas (eine Mischung aus Musikposse, Hollywood-Musical und den neuesten Karnevalsschlagern), wurde 1937 mit Carmen Miranda gedreht.
Unter dem Einfluß einer protektionistischen staatlichen Politik entwickelte sich das brasilianische Filmgeschäft Ende der vierziger Jahre zu einer einträglichen Industrie. In São Paulo wurde die Vera-Cruz-Filmgesellschaft gegründet, die Filme von internationaler Qualität drehen sollte. Techniker aus dem Ausland wurden angeworben; als Leiter des Unternehmens wurde der international angesehene avantgardistische Filmemacher Alberto Cavalcanti aus Europa zurückgeholt. Bis zu seiner Schließung im Jahre 1954 produzierte das Vera-Cruz-Studio einige bedeutende Filme wie das im amerikanischen Westernstil gedrehte Epos “O Cangaceiro” (dt. “Die Gesetzlosen”), das 1953 in Cannes mit dem Preis für den besten Abenteuerfilm ausgezeichnet wurde.
In den fünfziger Jahren nahm sich der brasilianische Film verstärkt sozialkritischer Themen an. Mit geringem finanziellen Aufwand und Laiendarstellern drehte der Regisseur Nélson Pereira dos Santos 1955 auf den Straßen Rios den episodischen Streifen “Rio Quarenta Graus” (dt. “Rio bei vierzig Grad”), der das Leben in einer Favela schildert. Hiermit wurde Nélson Pereira dos Santos zum Wegbereiter des brasilianischen Cinema Novo, das sich mit minimalen finanziellen Mitteln auf die Darstellung aktueller Probleme des Landes besann. “Mit einer Kamera in der Hand und einer Idee im Kopf”, nach diesem Motto wandten sich die Vertreter dieser neuen Bewegung dem Elend und der Gewalt in den Städten ebenso zu wie der Not und den Konflikten in unterentwickelten, ländlichen Gebieten. 1962 gewann Anselmo Duartes Film “O Pagador de Promessas” (dt. “50 Stufen zur Gerechtigkeit”) in Cannes die Goldene Palme. 1962 verfilmte Pereira dos Santos “Vidas Secas”, den Roman des bedeutenden brasilianischen Autors Graciliano Ramos. “Vidas Secas” (dt. “Nach Eden ist es weit”) erzählt in eindringlichen Bildern fast dokumentarisch die Geschichte eines Viehtreibers und seiner Familie im Nordosten des Landes, ihre Vertreibung durch die Dürre, ihre Wanderung auf der Suche nach neuer Hoffnung, die Ausweglosigkeit ihres Schicksals. 1964 greift “Deus e o Diabo na Terra do Sol” (dt. “Gott und Teufel im Land der Sonne”) des Regisseurs Glauber Rocha thematisch ebenfalls das Leben im Nordosten auf und stellt am Irrweg der Hauptpersonen exemplarisch den Einfluß des religiösen und politischen Fanatismus in diesem Teil Brasiliens dar. Nach 1964 wandte sich das Cinema Novo erneut städtischen Themen zu. “Noite Vazia” befaßt sich mit dem Problem menschlicher Verlassenheit in der Industriestadt São Paulo, Glauber Rochas “Terra em Transe” von 1967 beschreibt den Weg eines Intellektuellen, der zwischen den politischen Extremen zerrieben wird und als Revolutionär stirbt.
Der Einfluß des Tropikalismus machte sich im brasilianischen Film seit Ende der sechziger Jahre bemerkbar. Die Filmemacher greifen verstärkt auf Motive aus der Volkskultur, ihre Rituale, Legenden und Mythen zurück, um eine eigenständige, von ausländischen Einflüssen freie Filmkunst zu schaffen. Angesichts der Zensur des Militärregimes tarnen sie ihre Gesellschaftkritik mit metaphorischen Stilmitteln und einer surrealistischen Bilderwelt. Repräsentativ für die Filme der Tropikalisten war insbesondere “Macunaíma” (dt. “Macunaíma”) von Joaquim Pedro de Andrade, der nach dem gleichnamigen Roman von Mário de Andrade aus dem Jahre 1922 entstand. Der Regisseur zeichnet mit der Geschichte eines Indianers, der den Amazonasdschungel verläßt und in die große Stadt zieht, nicht nur ein realistisches Bild gesellschaftlicher Probleme, sondern auch eine pikaresk-symbolische Karikatur der brasilianischen Mentalität.
Allein in den Jahren 1969 und 1970 entstanden in São Paulo und Rio de Janeiro etwa 30 Erstlingswerke von Filmemachern des sogenannten Cinema Marginal. Ihre mit geringem finanziellen und technischen Aufwand gedrehten Filme über gesellschaftliche Randbereiche galten als áchwierig”, da ihnen zumeist der zusammenhängende Handlungsfaden fehlte. Erwähnenswert sind “Rio Babilônia” von Neville d’Almeida, “Matou a Família e foi ao Cinema” von Júlio Bressane und “O Bandido da Luz Vermelha” von Rogério Sganzerla.
Die 1969 gegründete (und 1990 aufgelöste) staatliche Filmgesellschaft Embrafilme förderte in den siebziger und achtziger Jahren die Produktion und den Verleih brasilianischer Filme und stimulierte darüber hinaus die gesamte Filmkultur und -wirtschaft. Embrafilme finanzierte und produzierte etwa 30 Prozent der brasilianischen Filme, beteiligte sich an Koproduktionen und erreichte eine Verdoppelung des Marktanteils einheimischer Filme auf etwa ein Drittel - für Lateinamerika ein einmaliger Erfolg.
Von den Mitte der siebziger Jahre gedrehten erfolgreichen Streifen sind zu erwähnen: Pereira dos Santos’ “Amuleto de Ogum” (dt. “Das Amulett”), die mit Umbanda-Riten verwobene Geschichte eines unverletzlichen jungen Mannes, dessen Sterben und Auferstehen das Überleben des Volkes symbolisiert; Joaquim Pedro de Andrades “Guerra Conjugal” nach einer Kurzgeschichte von Dalton Trevisan, in der das Kleinbürgertum humorvoll-kritisch beobachtet wird; und “Dona Flor e seus Dois Maridos” (dt. “Dona Flor und ihre zwei Ehemänner”) unter der Regie von Bruno Barreto, der internationalen Erfolg erzielte. Dieser Film basiert auf Jorge Amados gleichnamiger Geschichte einer Witwe, die mit ihrem zweiten Mann und dem Geist ihres verstorbenen ersten Mannes in einem Dreiecksverhältnis lebt.
Seit Beginn der achtziger Jahre drängte das Fernsehen den Kinofilm in den Hintergrund, besonders in den ländlichen Gebieten mußten viele Filmtheater geschlossen werden. Dennoch entstanden einige bemerkenswerte Filme, die direkt oder indirekt zu politischen Problemen der Zeit Stellung beziehen: “Eles não Usam Black-Tie” (dt. “Sie tragen keinen Frack”) von Leon Hirszman (1981) beschreibt die Konflikte, die in einer Familie aus einem Elendsviertel von São Paulo durch einen Streik aufbrechen und sie zerstören; “Memórias do Cárcere” von Nélson Pereira dos Santos (1984) nach der Romanvorlage von Graciliano Ramos hat das Leben politischer Gefangener zum Thema. Einer der besten Filme der achtziger Jahre war im Jahre 1985 Suzana Amarals “A Hora da Estrela“. Er hat einen Roman von Clarice Lispector zur Vorlage, der die ergreifende Geschichte eines jungen Mädchens erzählt, das aus dem Nordosten in eine Großstadt übersiedelt.
Jüngst gewann der brasilianische Film von Walter Salles “Central do Brasil” 1998 den Goldenen Bären in Berlin. Auch der Film “Die Guerilleros sind müde” stieß 1998 auf beachtliches Interesse im Ausland.