Karneval
Die Ursprünge des Karneval gehen auf römische Saturnalien ebenso zurück wie auf vorchristliche Feste zur Begrüßung des wiederkehrenden Frühlings. Nachdem die Katholische Kirche im Mittelalter erfolglos versucht hatte, alle heidnischen Bräuche auszumerzen, wurden Elemente dieser traditionsreichen Feiern in den Karneval, die Zeit vor der christlichen Fastenperiode, übernommen. Die europäischen Länder, vor allem Frankreich, Spanien und Portugal, begingen den Karneval mit lauten und oft derben Straßenfesten. Alle drei Kolonialmächte brachten diese Tradition mit in die Neue Welt. Auch in Brasilien wurde der Karneval zuerst wie in Portugal mit Umzügen und wahren Straßenschlachten gefeiert, bei denen man sich mit Wasser, Konfetti, Eiern, Mehl und übelriechenden Dingen bewarf. Von der ausgelassenen Fröhlichkeit wollte sich bald auch die nicht-weiße Bevölkerung nicht mehr ausschließen lassen. Viele Dienstherren erlaubten ihren Sklaven, die drei tollen Tage zu feiern, und konnten fast sicher sein, daß diese die Freiheit nicht zur Flucht ausnutzen würden. Die Sklaven bemalten ihre Gesichter mit Mehl, kostümierten sich und zogen mit durch die Straßen Rios.
Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Maskenbälle in geschlossenem Rahmen veranstaltet, auf denen die gehobene Gesellschaft Batuque und Polka, Mazurka und Walzer tanzte. Innerhalb weniger Jahre waren Maskenbälle in Mode, und die Kapriolen auf den Straßen ließen nach. Ausgehend von Rio formierten sich zu Karneval Rancho- und andere Gruppen und zogen spielend und tanzend durch die Städte.
Heute feiert Rio de Janeiro den berühmtesten Karneval der Welt - mit dem Umzug der Samba-Schulen als farbenfrohem Höhepunkt. Die ersten Samba-Schulenwurden zu Beginn der zwanziger Jahre gegründet. 1934 wurde unter der Regierung GetúlioVargas die Samba zum offiziellen Tanz des Karneval erklärt. Die Mitglieder der Samba-Schulen, die an der Parade teilnehmen, stammen zumeist aus den Favelas, den ausufernden Stadtteilen der armen Bevölkerung Rios. Jedes Jahr zu Karneval stehen die Samba-Schulenmiteinander im Wettbewerb. Jeder einzelne Aspekt ihrer Präsentation wird von einer Jury begutachtet und bewertet, Kostüme, Choreographie, Gesamtbild und Qualität der Parade. Die Darbietung einer jeden Schule konzentriert sich auf ein zentrales Thema, auf eine historische Begebenheit oder Gestalt etwa, oder auf eine Geschichte oder Legende aus der brasilianischen Literatur. Die Kostüme müssen der Zeit und dem Ort des jeweiligen Motivsentsprechen und die Samba-Lieder die Geschichte wiedererzählen oder weiterentwickeln, selbst die riesigen Festwagen sind bis ins Detail auf das zentrale Thema abgestimmt.
Auch nach Salvador da Bahia strömen jährlich zur Karnevalszeitüber eine Million Menschen, um ausgelassen mitzufeiern. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeitsteht der für seine Trommelgruppe berühmte Musikverein Olodum, in dem sich seitlangem alles um die wöchentlichen Proben für den Umzug gedreht hat. Wer hinter einem TrioElétrico, einem Laster mit Vierzigtausend-Watt-Verstärker, durch die Stadt zieht,wird wie in Trance von der tanzenden, spielenden und singenden Masse mitgerissen.Karnevalsformationen wie Filhos de Gandhi (Die Söhne Gandhis) folgen dem Ruf derTrommeln, den spirituellen Rhythmen aus Bahia. Erst am Aschermittwoch ist der frenetischeWettkampf der “Bandas” zu Ende.