Besiedlung und Einwanderung
In den ersten Jahrhunderten nach der Entdeckung Brasiliens entstanden in Küstennähe zahlreiche Siedlungen. Ab dem 16. Jahrhundert etablierte sich im Recôncavo Baiano (Hinterland des Bundesstaates Bahia) der Zuckerrohranbau und führte ausgehend von der ersten Hauptstadt der Kolonie - Salvador - zur Gründung vieler kleiner Städte. Aufgrund der stetig wachsenden Zuckerausfuhr stieg der Bedarf an Rindern zur Betreibung der Zuckermühlen. So verlagerte sich die Viehwirtschaft in die Trockensteppen des Nordostens (Sertão). Auch unzählige Familien kamen von weither, um auf den Rinderfarmen zu arbeiten, aus denen heraus sich die ersten Dörfer und Städte der Region entwickelten. Die Viehwirtschaft spielte nicht nur für die Besiedlung des Landes eine maßgebliche Rolle, sondern auch für die Entwicklung der Subsistenz-Wirtschaft sowie für den Baumwoll- und Tabakanbau. Die Tabakplantagen befanden sich größtenteils im Recôncavo.
Die sog. Bandeiras, die ersten Expeditionen ins Landesinnere im 17. Jahrhundert, dehnten das portugiesische Einflußgebiet aus und verfolgten das Ziel, Indios als Arbeitskräfte zu gewinnen sowie Gold und Edelsteine zu finden. Die Expeditionen stießen bis zur Amazonasmündung vor, wo 1616 die heutige Stadt Belém do Pará gegründet wurde. Die Goldfunde in den heutigen Bundesstaaten Minas Gerais, Mato Grosso, Goiás und Bahia im 18. Jahrhundert hatten einen jähen Bevölkerungsanstieg zur Folge. Straßen wurden gebaut, um bessere Verbindungswege mit den großen Farmen zu schaffen und die Fleisch- und Lederzufuhr in die Goldgräbergebiete zu fördern. Durch den einsetzenden Edelsteinhandel entstanden nicht nur im Landesinneren, sondern auch an der Küste zahlreiche neue Städte, die Häfen wurden ausgebaut.
Mit der Öffnung der brasilianischen Häfen im Jahre 1808 setzte zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein zweiter großer Siedlungsschub ein. Eine verstärkte Nachfrage nach Baumwolle in Europa kam nicht nur Bahia, sondern auch den riesigen Anpflanzungsgebieten im heutigen Bundesstaat Maranhão zugute, das geographisch gesehen dem europäischen Markt am nächsten lag. Mit Ende des Unabhängigkeitskrieges in Nordamerika wurde diese Blütephase unterbrochen.
Auch Kaffee war im 19. Jahrhundert in Europa ein gefragtes Produkt, was insbesondere im heutigen Bundesstaat São Paulo zur Entwicklung des Kaffeeanbaus beitrug. Der auf diese Weise entstandene Arbeits- und Verbrauchermarkt zog verstärkt Kapital an, was die langsam einsetzende Industrialisierung v.a. im mittleren Süden des Landes maßgeblich vorantrieb. Der Bau von Eisenbahnschienen und Telegrafenleitungen sowie die Gründung der ersten Schiffahrtsgesellschaften förderten zusätzlich die Urbanisierung des Südens. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts zog der Kautschukboom im Amazonasgebiet viele Menschen aus dem Nordosten an, die der Dürre und wirtschaftlichen Misere zu entkommen versuchten. Dritter wichtiger Produktionsstandort wurde der Süden Bahias, wo der Kakao-Anbau viele Menschen aus dem Nordosten anzog.
Nach dem Zweiten Weltkrieg ging der Siedlungsprozeß allmählich zurück. Der Mittlere Westen und das Amazonasgebiet wurden schrittweise in die Volkswirtschaft des Landes integriert. Der Bau der Hauptstadt Brasilia, die 1960 eingeweiht wurde, war ein Meilenstein im Prozeß der Selbstbesinnung des Landes. Mit dem Bau der Bundesstraßen Transamazônica und Cuiabá-Santarém wurde der Zugang in die Amazonasregion erleichtert. An den neu gebauten Straßen entstanden neue Städte. Große Vorhaben in der Viehwirtschaft und der Rohstofförderung im Amazonas trugen zu einer weiteren Verstädterung bei.
Einwanderung - Für die Einwanderung im engeren Sinne - die Portugiesen gelten als Kolonialherren, und die Millionen afrikanischen Sklaven, die zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert gewaltsam nach Brasilien verschleppt wurden, kamen auf unfreiwilliger Basis und können deshalb nicht als Einwanderer gelten - waren zwei geschichtliche Schlüsselereignisse maßgeblich: die Öffnung der brasilianischen Häfen für die „befreundeten Nationen” im Jahre 1808 sowie die Unabhängigkeit 1822. Die brasilianischen Monarchen waren insbesondere an einer Besiedlung des Südens interessiert und boten den Einwanderern kleine Landparzellen an, damit diese sich als Kleinbauern dort niederließen. Zunächst aus Deutschland, dann ab 1870 verstärkt aus Italien kamen die Einwanderer, deren Nachkommen bis heute den Hauptanteil der Bevölkerung in Santa Catarina und Rio Grande do Sul bilden.
Die größte Einwanderungswelle setzte jedoch zwischen 1880 und 1890 in São Paulo ein. Damals ging es der brasilianischen Regierung v.a. darum, als Ersatz für die afrikanischen Sklaven - 1888 wurde die Sklaverei endgültig abgeschafft - Arbeitskräfte für den gerade in São Paulo boomenden Kaffee-Anbau zu gewinnen. Dies fiel mit den verstärkten Auswanderungsbestrebungen in Europa zusammen, die Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzten und erst zu Beginn des Ersten Weltkrieges abebbten. Sowohl die sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen in einigen europäischen Ländern als auch die durch die Dampfschiffahrt und billige Preise günstigen Reisemöglichkeiten gaben vielen Menschen den Anstoß, auf der Suche nach neuem Glück den Sprung über den Ozean zu wagen. Nach der Ankunft der ersten Einwanderer setzte eine regelrechte Kettenreaktion ein - die Familien und Freunde der ersten Generation reisten nach und wurden somit zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor.
Zwischen 1882 und 1934 sind offiziellen Zahlen zufolge etwa 4,5 Millionen Menschen nach Brasilien eingewandert. 2,3 Millionen davon wurden bei ihrer Ankunft allein im Hafen von Santos (São Paulo) als Passagiere dritter Klasse registriert - die Dunkelziffer der nicht erfaßten Immigranten wird hoch eingeschätzt. Erwähnt seien in diesem Zusammenhang jedoch auch die Phasen, in denen viele Menschen in ihr Ursprungsland zurückkehrten. Während der Kaffeekrise zwischen 1903 und 1904 wurden beispielsweise in São Paulo stark rückläufige Einwanderungszahlen verzeichnet. Ab den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts ließ die Masseneinwanderung aus europäischen Ländern allmählich nach. Die nationalistische Politik einiger Länder - z.B. in Italien nach der Machtergreifung Mussolinis - legte der Auswanderung nach Lateinamerika so manches Hindernis in den Weg.
In Brasilien konnte der während der Industrialisierung gestiegene Bedarf an Arbeitskräften indessen auch mit innerbrasilianischen Migrationen gedeckt werden. Viele Menschen aus dem Nordosten und aus Minas Gerais machten sich in das „El Dorado São Paulo” auf. Lediglich in São Paulo nahm der Zustrom an japanischen Einwanderern auch in den dreißiger Jahren nicht ab - sie versuchten in kleinen landwirtschaftlichen Betrieben Fuß zu fassen.
In der jüngeren Vergangenheit hat sich die Einwanderung in Bezug auf die Herkunftsländer stark diversifiziert - zu den traditionellen Immigranten gesellten sich z.B. Menschen aus den Nachbarländern Argentinien, Uruguay, Chile, Bolivien, die von beruflichen oder politischen Gründen getrieben waren. Koreaner bevölkerten in großer Zahl Gastronomie und Einzelhandel São Paulos. Nach anfänglichen Eingewöhnungsschwierigkeiten, die sich ortsunabhängig Einwanderern im allgemeinen stellen, ist es den Immigranten in Brasilien gelungen, sich vollends in die dortige Gesellschaft zu integrieren. Dies war in den meisten Fällen mit einem wirtschaftlich-sozialen Aufstieg verbunden, was maßgeblich zu den sozio-ökonomischen und kulturellen Veränderungen im Süden des Landes beigetragen hat. Dort etablierten sich die Einwanderer v.a. im Weizenanbau und Weinbau sowie der lokalen Industrie, während in São Paulo die Vorantreibung von Industrie und Handel im Vordergrund standen. Auch kulturell hinterließen sie Spuren, beispielsweise, in Mentalität (neues Arbeitsverständnis), neuen Eßgewohnheiten und Sprachneuerungen (Bereicherung des portugiesischen Wortschatzes, typischer Akzent).
Insbesondere im Süden des Landes haben die Einwanderer aus Europa, dem Nahen Osten und Asien (Portugiesen, Italiener, Spanier, Deutsche, Syrer, Libanesen und Japaner) die ethnische Zusammensetzung der brasilianischen Bevölkerung bereichert. Gemeinsam mit dem großen Einfluß der Indios und Afrikaner ergibt sich eine ethnische Vielfalt, in der trotz aller Unterschiede ein gesellschaftliches Gemeinschaftsgefühl und eine gemeinsame Identität bestehen.