Biokraftstoffe in Brasilien
Brasilianische Botschaft in Berlin
Wirtschaftsabteilung
Biokraftstoffe in Brasilien
Berlin im Juni 2007
INHALT
INHALT
VORWORT
ETHANOL
(I) Einleitung
(II) Wirtschaftliche Bilanz: Produktion, Verbrauch, Versorgungssicherheit
1. Zuckerrohr
2. Ethanol
(II) Energiebilanz
(II) Umweltbilanz
1. Auswirkungen auf die Luftqualität
2. Flächennutzung
3. Schutz des Bodens
4. Ethanol- vs. Lebensmittelproduktion
5. Wasserverbrauch
6. Verwendung von Pflanzenschutzmitteln
7. Düngemittel
8. Zielkonflikt zwischen Zuckerrohranbau und Schutz der Amazonaswälder
(V) Sozialbilanz
1) Sozioökonomische Grundlagen der Zucker- und Ethanolwirtschaft
2) Maßnahmen der brasilianischen Regierung zur Bekämpfung der Zwangsarbeit und menschenunwürdiger Arbeitsbedingungen.
BIODIESEL
(I) Einführung
(II) Programm zur Produktion und Nutzung von Biodiesel (Programa Nacional de Produção e Uso de Biodiesel - PNPB)
1. Historischer Überblick
2. Struktur des PNPB
3. Inlandsproduktion und Binnenmarkt
4. Grundstoffe des brasilianischen Biodiesels
5. Soziale Aspekte
(III) Umweltaspekte
(IV) Biodiesel und Lebensmittel
(V) Biodiesel und das Kyoto-Protokoll
(VI) Energiebilanz
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
PERSPEKTIVEN FÜR DIE DEUTSCH-BRASILIANISCHE ZUSAMMENARBEIT
BIBLIOGRAPHIE
VORWORT
Die Sorge um den Klimawandel wächst weltweit in starkem Maße. Deutschland spielt auf diesem Gebiet eine führende Rolle. Dies gilt auch für Brasilien, insbesondere seit der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro.
Die Biokraftstoffe stehen im Mittelpunkt dieser Diskussion, die Umweltaspekte, sozioökonomische Faktoren und Versorgungssicherheit einschließt. Das Interesse für dieses Thema wird weit über die Fachwelt hinaus von unterschiedlichsten Teilen Gesellschaft in dem Bewusstsein geteilt, welch bedeutende und weitreichende Herausforderung in der Schaffung einer Energiematrix liegt, die in geringerem Maße von fossilen Brennstoffen abhängt.
Brasilien nimmt aufgrund seiner großen Erfahrung und Erfolge bei Herstellung und Einsatz von Biotreibstoffen eine Pionierrolle ein. Seit 2003 bemühen sich Regierungsvertreter und Unternehmer beider Länder, im Rahmen der jährlich stattfindenden Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage um die Entwicklung einer bilateralen Kooperation bei Ethanol und Biodiesel.
Vorliegende Veröffentlichung gibt unter Berücksichtigung historischer, sozioökonomischer, technologischer und umweltpolitischer Faktoren grundlegenden Aufschluss über die Herstellung und den Einsatz der beiden Biotreibstoffe in Brasilien. Sie unterteilt sich in vier Kapitel: (I) Ethanol; (II) Biodiesel; (III) Häufig gestellte Fragen (FAQ); (IV) Perspektiven für die Deutsch-Brasilianische Zusammenarbeit im Bereich Biotreibstoffe.
Ethanol und Biodiesel werden separat behandelt, da sie sich jeweils in einem unterschiedlichen Entwicklungs- und Einsatzstadium befinden.
Ethanol aus Zuckerrohr hat sich heute als wirtschaftlich rentable und sozial und ökologisch nachhaltige Alternative etabliert und deckt zu wettbewerbsfähigen Preisen mehr als 20% des Treibstoffbedarfs in Brasilien. Auf internationaler Ebene hingegen bestehen nach wie vor Handelspraktiken fort, die einer vollständigen Nutzung von Ethanol als Instrument zur Bekämpfung des Klimawandels und als Mittel zur Förderung der Versorgungssicherheit entgegenstehen. Die führende Rolle Brasiliens zeigt sich anhand seiner hohen Wettbewerbsfähigkeit in der gesamten Produktionskette der Zucker- und Alkoholindustrie, vom Anbau des Zuckerrohrs bis hin zum Destillationsprozess. Dabei machen sich die vielen Jahre intensiver Forschung und technologischer Fortschritte bezahlt. Weder Produktion noch Absatz des Ethanols werden subventioniert.
Das Programm zur Produktion und Nutzung von Biodiesel ist jüngeren Datums, entwickelt sich jedoch rapide und verfolgt u.a. das Hauptanliegen, die ärmeren Schichten der brasilianischen Bevölkerung an einer der dynamischsten Branchen des Landes teilhaben zu lassen, wobei die Umwelt und regionale Besonderheiten gebührend berücksichtigt werden. Etwas mehr als zwei Jahre nach seiner Einführung hat das brasilianische Biodieselprogramm PNPB bereits zu einem steilen Anstieg der Produktionskapazitäten geführt. Im Mai 2007 wurde eine Produktion von 962 Millionen Litern erreicht. Brasilien hat somit bereits ein Jahr vor Inkrafttreten der obligatorischen zweiprozentigen Beimischung von Biodiesel die Produktionsmenge überschritten, die hierfür notwendig ist (800 Millionen Liter).
Luiz Felipe de Seixas Corrêa
Botschafter der Föderativen Republik Brasilien in Berlin
ETHANOL
(I) Einleitung
Die Welt steht in den kommenden Jahrzehnten vor einer Herausforderung, deren Komplexität und Ausmaß derzeit noch nicht vollständig absehbar sind: Die Schaffung eines Energiemodells, das den Kriterien der Wirtschaftlichkeit, Umweltfreundlichkeit und Energiesicherheit in gleichem Maße genügt, stellt eine Aufgabe dar, die Industrie- und Entwicklungsländer gemeinsam zu übernehmen haben.
Ein neues Energiemodell beinhaltet die nahezu vollständige Abkehr von fossilen Brennstoffen, was auf verschiedene Gründe zurückzuführen ist: Zunächst ist in den kommenden 40 Jahren[1] mit einem erheblichen Rückgang der Erdölproduktion zu rechnen. In den Schwellenländern ist gleichzeitig von einem steigenden Bedarf auszugehen. Die Konzentration von fossilen Energiequellen in einigen wenigen Lieferländern birgt wachsende politische Risiken. Schlussendlich besteht die dringende Notwendigkeit, die Treibhausgasemissionen nachhaltig zu senken.
Dieses Szenario wird insbesondere dem Bereich Transport und Verkehr, dessen weltweiter Bedarf zu 95% von Erdöl und -gas gedeckt wird, eine Umorientierung abverlangen.
Mittel- und langfristig werden Biokraftstoffe, und insbesondere Ethanol, für den Personen- und Güterverkehr die alternative Energiequelle sein, mit der er angemessen auf die oben genannten neuen Erfordernisse reagieren kann. Auch wenn unter heutigen technischen Voraussetzungen ein vollständiger Ersatz fossiler Brennstoffe durch Bioenergie noch nicht möglich ist, so kann letztere doch einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, dass a) der Treibhausgasausstoß sowohl bei der Brennstoffproduktion als auch im Verbrennungsprozess selbst (Automotoren) drastisch reduziert werden kann, und b) die Versorgungssicherheit gewährleistet wird. Daraus ergibt sich eine zunehmende Unabhängigkeit von den Erdöllieferländern. Der nachfragebedingte Druck auf die Ölpreise wird vermindert. Ferner kann das Versiegen der Erdölvorräte spürbar verzögert werden. Eine Versorgungsabhängigkeit von Biotreibstoffen erweist sich in diesem Zusammenhang als zu vernachlässigendes Risiko, da die entsprechenden Rohstoffe in nahezu allen Ländern produziert werden können.
Auf diese Annahme gründen sich auch die jüngsten Entscheidungen von Seiten der Politik. Die Europäische Union hat sich dazu verpflichtet, bis 2020 den Mindestanteil von Biotreibstoffen am Energiebedarf des Transport- und Verkehrswesens auf 10% zu steigern. Die USA wollen bis 2017 sogar 20% erreichen. Zu diesem Zweck haben sie kürzlich mit Brasilien ein Memorandum of Understanding unterzeichnet, um für den Einsatz von Biotreibstoffen zu werben und die Entwicklung von neuen Technologien zu deren Herstellung voranzutreiben.
Da Kraftfahrzeuge weltweit größtenteils mit erschöpflichen Flüssigkraftstoffen betrieben werden, erweisen sich Biokraftstoffe in einer Zeit, in der länderübergreifend von konventionellen Otto- und Dieselmotoren auf Fahrzeuge mit neuen Technologien umgerüstet wird, als natürlicher Ersatz für die fossilen Energieträger. Ethanol und Biodiesel haben sich innerhalb dieses Übergangsprozesses als realistischste und strategisch günstigste Alternativen herausgestellt, die langfristig auch am besten durch neue Technologien ergänzt werden können.
Als Produzent und Konsument von Biotreibstoffen nimmt Brasilien weltweit eine führende Rolle ein. Im Handel mit aus Zuckerrohr hergestelltem Ethanol kann es auf eine mehr als 30-jährige Erfahrung verweisen. Infolge der ersten Erdölkrise in den siebziger Jahren musste Brasilien seinen Ölverbrauch drastisch zurückschrauben, um seinen externen Verpflichtungen besser nachkommen zu können. Heute macht Ethanol mehr als 20% des landesweiten Treibstoffverbrauchs aus, und die Ethanolpreise sind ab einem Rohölpreis von US$ 30,00 pro Barrel mit den Benzinpreisen konkurrenzfähig.
Die führende Rolle Brasiliens zeigt sich anhand seiner hohen Wettbewerbsfähigkeit in der gesamten Produktionskette der Zucker- und Alkoholindustrie, vom Anbau des Zuckerrohrs bis hin zum Destillationsprozess. Dabei machen sich die vielen Jahre intensiver Forschung und technologischer Fortschritte bezahlt. Weder werden Produktion und Absatz des Ethanols subventioniert[2], noch existieren Mindestpreise oder andere Mechanismen, die einen freien Wettbewerb verhindern könnten. Auf internationaler Ebene hingegen bestehen nach wie vor Handelspraktiken fort, die einer vollständigen Nutzung von Ethanol als Instrument zur Bekämpfung des Klimawandels und als Mittel zur Förderung der Versorgungssicherheit entgegenstehen.
Die Alkohol-Produktion in Brasilien ist nicht nur wettbewerbsfähig, sondern auch in vollem Umfang nachhaltig zu nennen. In den folgenden Abschnitten werden die wirtschaftliche, ökologische, soziale sowie die Energiebilanz untersucht.
(II) Wirtschaftliche Bilanz: Produktion, Verbrauch, Versorgungssicherheit
1. Zuckerrohr
Nach Schätzungen der Brasilianischen Gesellschaft für Versorgung (Companhia Nacional de Abastecimento - CONAB) wird die Zuckerrohrernte in Brasilien in der Saison 2006/2007 mit 471,17 Millionen Tonnen die größte weltweit sein. Davon gehen in diesem Zeitraum 238,39 Millionen Tonnen (50,6%) in die Herstellung von 29,6 Millionen Tonnen Zucker. Weitere 184,98 Millionen Tonnen Zuckerrohr (39,3%) sind für die Herstellung von Alkohol vorgesehen, dies entspricht einem Volumen von 17,3 Milliarden Litern (s. Zahlenübersicht am Ende des Abschnitts).
Die Produktionssteigerung (+9,2% im Vergleich zur Vorjahresernte) ist auf zwei Faktoren zurückzuführen: eine Ausweitung der Anbaufläche um 5,5% (etwa 7,3 Millionen Hektar) und eine Erhöhung der Produktivität um 3,5%.
Der kontinuierliche Anstieg der Zuckerproduktion ist Teil einer langfristig angelegten Strategie zur Verbesserung der Anbaumethoden und -technologien unter optimaler Nutzung der Bodenbeschaffenheit und klimatischen Voraussetzungen. Nach Zahlen des Brasilianischen Statistikamtes IBGE betrug beispielsweise die Anbaufläche von Zuckerrohr im Erntejahr 1976/1977 2,1 Millionen Hektar, die Gesamtproduktion kam auf 100 Millionen Tonnen. Dahingegen wurden 2000/2001 auf einer Anbaufläche von 4,9 Millionen Hektar 344 Millionen Tonnen produziert. Dies entspricht einem Produktivitätsanstieg von etwa 110%.
Zuckerrohr nimmt lediglich 10% der landesweiten Anbaufläche (7,3 Millionen Hektar) ein. Nach Einschätzung des Ministeriums für Landwirtschaft und Versorgung (MAPA) verfügt Brasilien neben seinen unzähligen Waldgebieten über 100 Millionen Hektar Brachland. Die Produktivität liegt mit einem Durchschnitt von 6.000 Litern Alkohol pro Hektar an der Spitze des weltweiten Rankings. So kann beispielsweise auf 160.000 Hektar Zuckerrohr-Anbaufläche 1 Milliarde Liter Alkohol-Treibstoff gewonnen werden. Diese Schätzung ist eher konservativ, kann man doch davon ausgehen, dass in der Region Zentraler Süden, wo der Zuckerrohranbau boomt, bis zu 7.000 Liter Alkohol pro Hektar produziert werden können.
Der große Bestand an potentieller Anbaufläche (nicht mit eingerechnet die Waldgebiete, s. Abschnitt IV) in Verbindung mit dem ständigen Produktivitätszuwachs ermöglicht einen rapiden Anstieg der Alkoholproduktion in Brasilien. So ist das Land auf einen Anstieg des internen oder externen Bedarfs vorbereitet, ohne dass dies Abstriche beim Anbau anderer Erzeugnisse oder bei der Viehwirtschaft bedeuten muss. Man kann also in Brasilien einen Konflikt zwischen der Landwirtschaft als Energieproduzent und der Landwirtschaft und Viehwirtschaft als Lebensmittelproduzent ausschließen.
Einen weiteren Produktivitätszuwachs versprechen aktuelle Studien brasilianischer Universitäten und Forschungsinstitute, die auf den Einsatz von zellulosehaltigen Zuckerrohrbestandteilen und agroindustriellen Rückständen als Rohstoff abzielen. Im heute angewandten Herstellungsverfahren von Ethanol machen die Rohstoffe 40% der Kosten aus. Die Entwicklung adäquater Technologien für den Einsatz billigerer Rohstoffe könnte zu einer erheblichen Senkung der Produktionskosten und damit zu einer weiteren Verbreitung von Ethanol als Kraftstoff führen.
Im Gegensatz zu Erdöl konzentrieren sich die Herstellungs- und Lieferkapazitäten von Ethanol nicht auf einige wenige Länder. Schätzungen zufolge verfügen mehr als 120 Länder über die Voraussetzungen, um in ausreichendem Maße Rohstoffe zur Herstellung von Ethanol zu produzieren, sei es Zuckerrohr oder andere geeignete Pflanzen, wie Mais oder Weizen. Brasilien ist bestrebt, seine leistungsstarken Technologien zur Herstellung von Biotreibstoffen in möglichst vielen Ländern einzuführen, um Ethanol als internationale Commodity bestmöglich zu etablieren.
2. Ethanol
a) Produktion
Seit der ersten Erdölkrise in den siebziger Jahren hat sich Brasilien strategisch umorientiert und setzt entschlossen auf die Entwicklung des Binnenhandels mit Ethanol-Biotreibstoff. Auf der Grundlage des staatlichen „Proálcool”-Programms hat sich Brasilien als weltweit größter Hersteller und Verbraucher von Ethanol aus Zuckerrohr durchgesetzt. Auf dem Weg zum heute eingesetzten Flex-Fuel-Motor wurden zahllose Anfangsschwierigkeiten - so etwa Probleme beim Kaltstart und Korrosion von Motorenkomponenten - schrittweise beseitigt.
Nach mehr als 30 Jahren hat sich Ethanol als erneuerbarer, sauberer und billiger Biotreibstoff in Brasilien etabliert. Mit seinem Preis (ca. US$ 0,20/Liter) ist er ab einem Rohöl-Preis von US$ 30,00/Barrel Rohöl günstiger als herkömmliches Benzin. Seine Verwendung als Benzinersatz oder -zusatz trägt ferner zu einer erheblichen Minderung der Treibhausgasemissionen bei.
Die installierte Kapazität zur Herstellung von Ethanol in Brasilien wird derzeit auf 18,2 Milliarden Liter im Jahr (313 Destillationsanlagen) geschätzt, und auf mittlere Sicht wird mit einem deutlichen Anstieg der Kapazität gerechnet. Bis 2010 sollen mit Investitionen in einer Größenordnung von US$ 10 Milliarden 89 neue Produktionsstandorte in Betrieb genommen sein, die infolge einer Ausweitung der Anbauflächen um lediglich 2 Millionen Hektar einen Produktionszuwachs um 8 Milliarden Liter ermöglichen werden.
Im Rahmen des kürzlich auf den Weg gebrachten Regierungsprogramms zum beschleunigten Wirtschaftswachstum PAC (Programa de Aceleração do Crescimento) werden in den kommenden vier Jahren R$ 17,4 Milliarden in die Infrastruktur für erneuerbare Brennstoffe investiert. Dabei ist neben dem Bau eines 1.150 Kilometer langen Pipeline-Systems die Errichtung von 46 Biodiesel-Anlagen und 77 Ethanol-Anlagen vorgesehen. Ferner hat die Brasilianische Entwicklungsbank BNDES allen an der Ethanolproduktion beteiligten Bereichen, d.h. Fabriken, Kapitalgütersektor, Ingenieur-Betrieben, Automobilindustrie etc., einen erleichterten Zugang zu Krediten eingeräumt. Ferner hat die Regierung die Steuer auf Industriegüter IPI (Imposto sobre Produtos Industrializados) für alkoholbetriebene oder bivalente Fahrzeuge gesenkt.
Die Ethanolproduktion in Brasilien erhält, wie bereits erwähnt, keine öffentlichen Subventionen, seit diese in den neunziger Jahren schrittweise abgebaut und die Preisbindung für Herstellung und Absatz abgeschafft wurden. Der einzige fortbestehende Anreiz liegt in der Steuerbegünstigung von mit hydriertem (rektifizierten) Ethanol betriebenen Fahrzeugen.
b) Binnenverbrauch
Ethanol macht bereits 20% aller in Brasilien eingesetzten Treibstoffe aus. Nach Schätzungen der Brasilianischen Erdölagentur ANP erreicht der Kraftstoffbedarf des Landes zwischen Juli 2006 und Juni 2007 etwa 13 Milliarden Liter (5,8 Milliarden Liter reiner Alkohol (anidro) als Benzinzusatz und 7,3 Milliarden Liter hydrierter Ethanol (hidratado, 93%), die an 33.000 Tankstellen ausgegeben werden. In Brasilien sind zwei Arten von Alkohol-Treibstoff für Kraftfahrzeuge gebräuchlich: „hidratado”, hydrierter Ethanol - als Kraftstoff für Alkohol-Pkw (etwa 2,2 Millionen Kfz), und „anidro”, reiner Alkohol - landesweit eingesetzt als Benzinzusatz. Der Mindestanteil im Gemisch schwankt zwischen 20% und 25% (etwa 15,5 Millionen Flex-Fuel-Fahrzeuge).
Um mögliche Preisschwankungen auszugleichen, die für Ethanol wettbewerbsschädlich sein könnten, setzt Brasilien seit 2003 verstärkt auf den Absatz von Fahrzeugen mit Flex-Fuel-Technologie. Diese Motoren ermöglichen es dem Fahrzeughalter, je nach Bedarf Ethanol, Benzin oder ein Gemisch aus beiden zu tanken. So kann der Verbraucher sich erstmalig jeweils für die kostengünstigste Variante entscheiden. Heute sind 75% der Neufahrzeuge in Brasilien mit Flex-Fuel-Motoren ausgestattet, das entspricht ca. 1,6 Millionen Fahrzeugen. Auch 3,5 Millionen Motorräder verfügen über diese Technologie.
c) Exporte
2006 erreichten die Ethanolexporte 3,43 Milliarden Liter. Wichtigste Abnehmer waren: USA (2,16 Mrd. Liter)[3], Niederlande (346,62 Mio. Liter), Japan (225,40 Mio. Liter), Schweden (204,61 Mio. Liter), El Salvador (181,14 Mio. Liter), Venezuela (104,61 Mio. Liter), Jamaika (131,54 Mio. Liter), Südkorea (92,27 Mio. Liter) und Costa Rica (91,27 Mio. Liter). [4]
Die Ausschöpfung des gesamten Nutzungspotentials von Ethanol als sicherer, nachhaltiger und wirtschaftlicher Treibstoff auf dem europäischen Markt hängt aber nicht allein von den Herstellern ab. Trotz der erst kürzlich von der EU eingegangenen Verpflichtung, den Anteil von Biotreibstoffen bis 2020 auf 10% anzuheben, gestaltet sich der Zugang zum europäischen Markt aufgrund von Einschränkungen und Verboten weiterhin schwierig. Der Vertrieb von Ethanol sowohl in Reinform als auch als höherprozentige Beimischung zu herkömmlichem Benzin ist daher nicht möglich.
Auch sind die von der EU verhängten Außenhandelszölle weiterhin zu hoch, sie liegen bei 192 EUR/m³ für denaturierten und bei 102 EUR/m³ für nicht denaturierten Alkohol. So beträgt der Zoll auf denaturierten Alkohol, der etwa 90% der europäischen Importe ausmacht, etwas mehr als 60% des FOB-Preises.
Weiterhin stehen dem Import regulatorische Hürden entgegen: Die europäische Gesetzgebung schreibt seit kurzem eine Bemischungsgrenze von 10% Ethanol in herkömmlichem Treibstoff vor, in Brasilien sind es 25%. Das kürzlich eingeführte Biokraftstoffquotengesetz wiederum sieht eine Mindestbeimischung von 1,2% 2007, 2,0% 2008, 2,8% 2009 und 3,6% 2010 vor.
(II) Energiebilanz
Das Umweltministerium des Bundesstaates São Paulo (Secretaria Estadual do Meio Ambiente do Estado de São Paulo) hat 2002 eine Studie über die Treibhausgasbelastung bei Herstellung und Verbrauch von Ethanol („Emissões de gases de efeito estufa (GEE) na produção e uso do etanol no Brasil: situação atual 2002″) erstellt, die das Verhältnis zwischen der für die Herstellung von Ethanol notwendigen fossilen Energie und der produzierten Energie auf 8,3 veranschlagt. Dies bedeutet, dass eine Einheit fossiler Energie ausreicht, um mehr als acht Einheiten Energie zu produzieren.
Im Vergleich dazu bringt der Einsatz von einer Einheit Energie bei der Herstellung von aus Mais gewonnenem Ethanol in den USA nur 1,4 Einheiten Energie. Dies zeigt das relativ hohe energetische Potential von aus Zuckerrohr gewonnenem Ethanol. Obwohl der Einsatz von fossiler Energie bei der Herstellung von Ethanol in Brasilien nicht ganz zu vermeiden ist, so ist er doch im Vergleich zum weitaus höheren Energiebedarf bei Einsatz anderer Rohstoffe sehr gering und bringt deutlich höhere Erträge.
Ethanol wird aus der Fermentation von Zucker gewonnen. Deshalb fällt die Energiebilanz bei der Herstellung von Ethanol aus Zuckerrohr so viel günstiger aus als bei Mais. Das Maismehl muss zunächst mit Wasser und Enzymen versetzt werden, die für die Umwandlung der Kohlenhydrate in Zucker verantwortlich sind. Erst dann kann der Gärungsprozess einsetzen.
Die brasilianische Zuckerrohrindustrie trägt in hohem Maße zum Ersatz fossiler Brennstoffe bei:
Sie erzeugt 9,7 TWh elektrische und mechanische Energie, dies entspricht 3% des in Brasilien erzeugten Stroms;
Als Brennstoff nutzt sie 17,5 Millionen Tonnen Bagasse, was der Gesamtmenge des in Brasilien eingesetzten Erdgases und Brennöls entspricht;
Sie produziert 180.000 Barrel Ethanol am Tag, das sind 50% des täglich genutzten Benzins in Brasilien.
Die Zuckerrohrindustrie bringt jährlich 55 Millionen Tonnen Saccharose und 100 Millionen Tonnen Rückstände hervor, von denen etwa 50%, wenn auch mit geringem Wirkungskoeffizienten, für die Energieerzeugung genutzt werden. Weitere 25% (größtenteils Zuckerrohrblätter und -stroh) sind für die Energieerzeugung nutzbar.
Bei der Verarbeitung von Zuckerrohr setzen die Betriebe zunächst einen bestimmten Anteil an fossiler und Solarenergie ein. Daraus entstehen Saccharose, Bagasse und Blätter. Ein Teil dieser Bagasse wird bei der Weiterverarbeitung zu Zucker und Ethanol als Energiequelle genutzt. Die Hälfte der Saccharose wird für die Herstellung von Ethanol, die andere Hälfte zur Produktion von Zucker genutzt.
Dank der Verwertung der Bagasse sind die Zuckermühlen heute in der Lage, die benötigte elektrische Energie selbst zu erzeugen. Bei der Zuckerrohrverarbeitung liegt der Energiebedarf bei:
12 kWh elektrische Energie / Tonne Zuckerrohr;
16 kWh mechanische Energie / Tonne Zuckerrohr;
330 kWh Wärmeenergie zur Weiterverarbeitung / Tonne Zuckerrohr
Der Energiegehalt von Bagasse und Blättern ist weitaus höher. Die Branche ist bestrebt, den Einsatz von Blättern und Bagasse bei der Energieerzeugung zu verstärken.
Man ist bemüht, das Abbrennen der Felder auf dem Land auch im Interesse einer geringeren Belastung der Atmosphäre zu verhindern und die trockenen Blätter verstärkt anderweitig zu nutzen. Dank dieser Bemühungen werden bereits 25 Prozent der Anbaufläche im Bundesstaat São Paulo nicht vor der Ernte abgebrannt, Tendenz steigend.
Für verschiedene konventionelle wie auch innovative Technologien wurden Einschätzungen über die möglichen Energieüberschüsse abgegeben. Wenn in 80% der Zuckermühlen 40% der trockenen Blätter für konventionelle Hochdruck-Dampfgeneratoren genutzt würden, könnte ein Energieüberschuss von 30 TWh erzeugt werden, dies entspricht 9% des aktuellen Stromverbrauchs in Brasilien.
Ein weit verbreitetes Verfahren ist ferner die Hydrolyse der überschüssigen Rückstände und der für die Ethanol-Herstellung aufbereiteten Blätter. Studien zufolge können mittels der Hydrolyse 34 Liter Ethanol zusätzlich (+10%) pro Tonne eingesetzten Zuckerrohrs produziert werden.
Wachstumsprognosen für den Energiebereich zufolge könnten pro zusätzliche 100 Millionen Tonnen Zuckerrohr (davon 42% zur Herstellung von Zucker) mit den heutigen Technologien 5 Millarden Liter Ethanol und 12,6 TWh Strom (4% des aktuellen täglichen Verbrauchs) zusätzlich produziert werden.
Diese Einschätzung ist durchaus realistisch: Es gab bereits drei vergleichbare Leistungssprünge: Zunächst zwischen 1976 und 1983 (von 100 Mio. auf 200 Mio. Tonnen im Rahmen des Programms „Proálcool”), dann zwischen 1993 und 1998 (von ca. 215 Mio. auf ca. 315 Mio. Tonnen, durch den Anstieg der Zuckerexporte). Derzeit befindet sich die Branche dank der gestiegenen Nachfrage nach Ethanol und Zucker in einer erneuten Wachstumsphase. Für 2007 geht die Brasilianische Gesellschaft für Versorgung CONAB von einer Zuckerrohrernte von bis zu 470 Mio. Tonnen aus.
Von diesen 470 Mio. Tonnen sind 51% für die Herstellung von Zucker, 39% für die Produktion von Ethanol und 10% für die Herstellung von Cachaça vorgesehen.
Ethanol der zweiten Generation (Zellulosealkohol)
In Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten hat Brasilien Forschungen zu Zellulose-Alkohol angestellt. Trotz seiner höheren Kosten im Vergleich zum Alkohol aus Zuckerrohr schätzen brasilianische Produzenten, dass sie die Produktivität auf ihren Feldern um 40% steigern können, wenn sie beide Herstellungsverfahren kombinieren.
Die Hersteller schätzen, dass, wenn die Bagasse genutzt wird, um nicht nur Energie zu produzieren - wie dies heute bereits geschieht -, sondern auch Zellulose-Alkohol, der Ertrag pro Hektar sogar um 40-100% steigen könnte. Sie sind überzeugt: „Ethanol aus Bagasse wird Anreize für den gesamten Ethanolmarkt geben”. Die erste kommerziell betriebene Anlage für die Herstellung von Zellulosealkohol dürfte in etwa drei bis vier Jahren im Bundesstaat São Paulo in Betrieb gehen.
(II) Umweltbilanz
Die brasilianische Zucker- und Alkoholindustrie genießt heute allgemein Anerkennung für ihren umweltfreundlichen Einsatz von Ethanol als Ersatz für fossile Brennstoffe, für die Zuckerherstellung unter ausschließlicher Nutzung von erneuerbaren Energien und in neuerer Zeit für die Erzeugung von Stromüberschüssen. Der Anbau von Zuckerrohr gestaltet sich heutzutage äußerst umweltfreundlich. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist sehr gering, die Branche verfügt über das größte Programm für biologischen Pflanzenschutz innerhalb der brasilianischen Landwirtschaft. Ferner weist der Zuckerrohranbau die geringste Bodenerosion landesweit auf. Alle Rückstände werden aufbereitet und beeinträchtigen in keinster Weise die Wasservorkommen im Umkreis. Die Branche ist ausgesprochen innovationsfreundlich, der organische Anbau ist weit fortgeschritten.
1. Auswirkungen auf die Luftqualität
Die Verbrennung der trockenen Zuckerrohrblätter ist eine gängige Praxis in allen zuckerproduzierenden Ländern. Damit werden die Sicherheit der Arbeiter und die Ernteerträge durch die Eliminierung von trockenen Blättern erhöht.
In den achtziger und neunziger Jahren haben zahlreiche Untersuchungen versucht, Aufschluss darüber zu geben, ob die Emissionen aus der Zuckerrohrverbrennung gesundheitsschädliche Auswirkungen haben oder nicht. Eine gemeinsame Studie der EMBRAPA, UNICAMP und USP hat ergeben, dass Ribeirão Preto, der größte Zuckerrohrstandort des Landes, kein höheres Risiko für Atemwegserkrankungen aufweist als die Kurorte des Landes (Beispiel Atibaia), wo kein Zuckerrohr angebaut wird.
Im Bundesstaat São Paulo, in dem am meisten Zuckerrohr zur Herstellung von Ethanol angebaut wird, wurde bereits ein gesetzliches Regelwerk zur sukzessiven Abschaffung der Zuckerrohrverbrennung geschaffen (vollständige Abschaffung bis 2021 in Gebieten mit mechanisierter Landwirtschaft und bis 2031 in Gebieten, wo eine Mechanisierung nicht möglich ist.) Dieser Zeitplan berücksichtigt bereits die heute verfügbaren Technologien für eine Ernte ohne Abbrennen der Felder, den zu erwartenden Anstieg der Arbeitslosigkeit aufgrund einer zunehmenden Mechanisierung der Produktion sowie das sofortige Verbot des Abbrennens in sog. Risiko-Gebieten (Stromleitungen, Eisenbahngleise, Straßen, Waldschutzgebiete). Dieses Regelwerk ist bezeichnend für die Position São Paulos innerhalb des Produktions-Rankings.
Ferner haben Ethanol und die Rückstände aus der Zuckerrohrverarbeitung als Ersatz für fossile Brennstoffe zu einer erheblichen Reduzierung der Treibhausgasemissionen beigetragen. Dies macht die brasilianische Zuckerindustrie weitgehend autark von einer externen Stromversorgung. Auch wenn zwischen den Ernten externer Strom bezogen wird, so wird dies durch den - wenn auch geringen - Verkauf von elektrischer Energie in der Erntezeit ausgeglichen.
Der größte ökologische Vorteil des Ethanols ist, dass es im Vergleich zu fossilen Brennstoffen weniger zur Verschmutzung der Atmosphäre beiträgt. Obwohl das Proálcool-Programm in den siebziger Jahren nicht primär zum Ziel hatte, den Schadstoffausstoß von Kraftfahrzeugen zu reduzieren, so haben die Beimischung von Alkohol zum Benzin seit 1977 (Gasolina C) und die Einführung von Alkohol als vollständiger Benzin-Ersatz 1979 erhebliche ökologische Vorteile gebracht. Laut Bericht über die Luftqualität im Bundesstaat São Paulo aus dem Jahr 2004 hat der Gebrauch von Ethanol im Zeitraum 1980 bis 1994 zu einer bedeutenden Schadstoffreduzierung beigetragen.
Unabhängig von den in o.g. Zeitraum vorgenommenen technologischen Neuerungen durch die Automobilindustrie (Abgaskontrollen seit 1989) weisen Fahrzeuge, die mit reinem Ethanol fahren, weniger Schadstoffemissionen auf als Gasolina-C-betriebene Kfz. Ethanol brachte den zusätzlichen Vorteil, dass 1990 Bleizusätze aus Benzingemischen gebannt werden konnten.
Mit der Anhebung des Ethanol-Anteils am Benzin 1998 (auf 24%) und 2002 (auf 25%) und dem gleichzeitig immer weiter steigenden Popularitätsgrad von Flex-Fuel- und Ethanol-Fahrzeugen (10% der Neuzulassungen 2003, 80% im Jahr 2006) konnten die ökologischen Vorteile des Ethanols noch verstärkt werden.
Nach einer Studie des Umweltministeriums des Bundesstaates São Paulo hat der Einsatz von Bagasse (bei der Zuckerrohrproduktion) und von Ethanol (als Treibstoff) eine 13%-ige Senkung der Treibhausgasemissionen in Brasilien zur Folge. So konnten laut Studie die Emissionen im Jahr 2003 um 33 Mio. Tonnen Kohlendioxid reduziert werden, davon 80% dank des schrittweisen Ersatzes von Benzin durch Ethanol, 20% durch den Einsatz der Bagasse bei der Zuckerrohrproduktion.
2. Flächennutzung
Brasilien verfügt über eine Landfläche von insgesamt 850 Millionen Hektar. Ein Großteil davon ist für die Landwirtschaft geeignet, ohne dass hierfür Waldgebiete mit artenreicher Vegetation geopfert werden müssten. Die Landwirtschaft nutzt gegenwärtig nur 7% dieser Fläche, die Hälfte davon für den Soja- und Maisanbau. 35% der Gesamtfläche ist Weideland, 55% von Wäldern bedeckt. Lediglich 0,6% werden für den Anbau von Zuckerrohr genutzt, insgesamt würden sich laut Ministerium für Landwirtschaft und Versorgung (MAPA) ca. 12% für diese Kultur eignen. Eine Studie des Instituts für Raumstudien (Instituto de Pesquisas Espaciais, INPE) zeigt zudem, dass sich die Gebiete mit der höchsten Konzentration an Zuckerrohrfeldern fernab der brasilianischen Urwälder Amazoniens, des Pantanals und der Küstenwälder (Mata Atlântica) befinden.
Der starke Anstieg der Zuckerrohrproduktion in den vergangenen Jahren hatte keine deutliche Ausweitung der Anbauflächen zur Folge. Zwar stieg die Produktion in Zentral- und Südbrasilien, der wichtigsten Anbauregion des Landes, zwischen 1992 und 2004 um 60%, davon entfielen jedoch 94% auf bestehende Plantagen, lediglich 6% wurden auf neu erschlossenen Ländereien erwirtschaftet.
In den kommenden Jahren dürfte mit einer Ausdehnung der Anbauflächen insbesondere im Westen des Bundesstaates São Paulo, an der Grenze zu Mato Grosso do Sul sowie im Süden von Goiás zu rechnen sein. Die Flächen werden derzeit als Weideland genutzt, die Ausdehnung des Zuckerrohranbaus geschieht demnach nicht zum Schaden der Biodiversität vor Ort.
Die brasilianische Regierung hofft, durch Flurbereinigungen eine Dezentralisierung des Zuckerrohranbaus zu begünstigen. Das brasilianische Institut für Agrarwissenschaft EMBRAPA untersucht derzeit, inwieweit der Zuckerrohranbau zum Zwecke einer rationelleren Flächennutzung mit anderen Kulturen wie Obst und Ölsaaten (zur Herstellung von Biodiesel) oder der Viehzucht verknüpft werden kann.
3. Schutz des Bodens
Der Erosionsprozess stellt den wichtigsten Grund für die Verschlechterung der Böden dar. Zuckerrohr wird in Brasilien seit Jahrhunderten angebaut, oft auf denselben Flächen. Dadurch wurde das notwendige Wissen erworben, mit dem eine schonende Behandlung der Böden gewährleistet werden kann.
Der Zuckerrohranbau ist erwiesenermaßen eine bodenschonende Kultur. Eine Studie der Cargill Foundation aus dem Jahre 1998 belegt, dass der Bodenverlust bei Sojaanbau 60%, bei Baumwolle 100%, bei Reis 120%, bei Maniok 150% und beim Anbau von Bohnen sogar 200% größer ist als beim Zuckerrohr. Die Studie kam zu dem Schluss, dass durch den Anbau von Zuckerrohr jährlich 75 Millionen Tonnen Erde weniger durch Erosion abgetragen werden als beim Anbau von Getreide (bei einer durchschnittlichen Erosion von 25t/ha p.a.)
Darüber hinaus ermöglicht der technische Fortschritt eine Zuckerrohrernte ohne Abbrennen der Felder. Die Maschinen hinterlassen jährlich etwa 10-15 Tonnen trockene Pflanzenreste pro Hektar auf den Feldern, was den Boden vor dem direkten Aufprallen des Regens schützt.
4. Ethanol- vs. Lebensmittelproduktion
Eines der Argumente, die gegen die Ethanolproduktion in Brasilien vorgebracht wird, ist, dass das Produkt aufgrund seines hohen Marktpreises Landwirte dazu bewegen könnte, Zuckerrohr anstelle von Nahrungsmittelpflanzen anzubauen. Die Fakten sprechen jedoch dagegen: Die Anbaufläche von Zuckerrohr beträgt lediglich 15% der Fläche, die für die Getreideproduktion genutzt wird. Diese stieg seit Beginn der achtziger Jahre von 47 auf 100 Millionen Tonnen im Jahr an, ohne dass sie vom Zuckerrohranbau beeinträchtigt worden wäre.
Vielmehr ist der Ertragszuwachs sowohl in der Zucker- und Alkoholwirtschaft als auch in der Getreideproduktion allein auf eine effizientere Bewirtschaftung der zur Verfügung stehenden Böden durch modernere Produktionsmethoden und -technologien zurückzuführen. Zahlenmaterial des Brasilianischen Statistikamtes IBGE zufolge stieg der Hektarertrag bei der Getreideproduktion von 1,2 Tonnen zu Beginn der siebziger Jahre auf 2,7 Tonnen zu Beginn dieses Jahrzehnts. Bei Zuckerrohr stieg die Ausbeute von 47,6 auf 70,2 Tonnen.
Auch die Nutzung ehemaliger Weideflächen für den Anbau von Zuckerrohr führt zu keinem Konflikt mit der Viehwirtschaft. Im Bundesstaat São Paulo, dem Zentrum der Ethanolproduktion, wurden zwischen 2000 und 2006 zwar 5% der Weideflächen in Zuckerrohrfelder umgewandelt; laut Ministerium für Landwirtschaft von São Paulo legte der Bestand an Rindern aber durch intensive Viehhaltung, Stallhaltung und Verkleinerung der Weideflächen im selben Zeitraum um 6% zu.
Diese Daten verdeutlichen, dass es trotz einer Ausweitung der Ethanolproduktion zu keinem Zielkonflikt mit der Lebensmittelproduktion kommen muss.
5. Wasserverbrauch
Der Anbau von Zuckerrohr in Brasilien ist weitgehend unabhängig von einer künstlichen Bewässerung. Diese wird im Nordosten sowie in Zentral- und Südbrasilien gelegentlich notwendig, kurz nachdem die Setzlinge eingepflanzt wurden sowie in der Wachstumsphase.
Im Produktionsprozess wird Wasser für die Wäsche des Zuckerrohrs, während des Auspressens sowie beim Fermentieren und Destillieren in den Kondensatoren verwendet.
Der Wasserverbrauch im Produktionsprozess konnte in den vergangenen Jahren von ca. 5m³ pro Tonne Zuckerrohr 1990 auf weniger als ein Drittel gesenkt werden (2004: 1,83m³). Man kann davon ausgehen, dass kein Wasser verschwendet wird, da es im Produktionsprozess fast vollständig wiederverwertet wird.
Das EMBRAPA hat den Zuckerrohranbau daher in Bezug auf seine Auswirkungen auf die Wasserqualität in die Kategorie 1 (keine Auswirkungen) eingestuft. Darüber hinaus ist es seit 1967 auch verboten, Abfälle aus dem Produktionsprozess in die freie Natur auszubringen (Erlass Nr. 303/67).
6. Verwendung von Pflanzenschutzmitteln
Daten des IBGE und der Brasilianischen Gesellschaft für Versorgung (Companhia Nacional de Abastecimento - CONAB) belegen, dass der Verbrauch an Insektiziden und sonstigen Pflanzenschutzmitteln beim Zuckerrohranbau geringer ist als bei Zitrusfrüchten, Mais, Kaffee und Soja. Fungizide finden praktisch keine Verwendung.
Die Bekämpfung der Zikaden und des Zuckerrohrbohrers (des bedeutendsten Schädlings) erfolgt in Brasilien größtenteils auf biologische Art. Für letztere wurde ein landesweites Bekämpfungsprogramm aufgelegt, in dessen Rahmen Nützlinge (v.a. Wespen) gezüchtet und in den betroffenen Plantagen ausgesetzt werden.
Eine weitere Methode zum Schutz vor Krankheiten und Plagen besteht in der Auslese resistenter Zuckerrohrarten. Derzeit werden gut 500 Arten Zuckerrohr auf brasilianischen Plantagen angebaut, die hauptsächlich über Programme zur genetischen Verbesserung im Technologiezentrum Copersucar sowie dem Interuniversitären Netzwerk für die Entwicklung der Zucker- und Alkoholwirtschaft (Rede Interuniversitária de Desenvolvimento do Setor Sucroalcooleiro, RIDESA) entwickelt wurden. Dank dieser Programme konnten Epidemien wie Rostbefall Ende der achtziger Jahre sowie das Sugarcane Yellow Leaf Virus (ScYLV) in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre allein durch den Austausch der angebauten Sorten und ohne vermehrten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wirksam bekämpft werden.
Die am weitesten verbreiteten Zuckerrohrarten werden jeweils auf höchstens 10-15% einer Plantage angebaut. Dies ist bisher die wirksamste Art der Bekämpfung von Plagen.
7. Düngemittel
Im Vergleich zu anderen Ländern werden im Zuckerrohranbau in Brasilien nur wenig Düngemittel verwendet. In Australien werden beispielsweise 42% mehr Dünger auf den Zuckerrohrfeldern ausgebracht als in Brasilien.
Insbesondere Schlempe und Filterkuchen, Rückstände aus der industriellen Produktion von Alkohol und Zucker, finden als wichtige Düngemittel im brasilianischen Zuckerrohranbau Verwendung. Die Schlempe ist ein Rückstandsprodukt der Destillation des fermentierten Zuckerrohrsaftes und enthält noch sehr viele Nährstoffe und Mineralien (Kalium). Durch ihre Anwendung als Dünger konnten die Böden teils erheblich verbessert und die Umwelt geschützt werden. Pro Liter Alkohol fallen etwa 10-15 Liter Schlempe an.
Noch vor 30 Jahren wurde die Schlempe über Wasserläufe entsorgt, seit 1978 wurde sie dann als Dünger verwertet. Mit der Zeit wurden die ausgebrachten Mengen an Schlempe reduziert und neue Technologien eingeführt, um eine Verunreinigung des Grundwassers zu vermeiden. Studien des EMBRAPA und des Instituts für Agrarwirtschaft in Campinas belegen, dass bei ausgebrachten Mengen unter 300 m³ pro Hektar keine Gefahr für Wasser führende Schichten besteht. Technische Normen des Umweltministeriums in São Paulo regeln darüber hinaus die wichtigsten Aspekte der Verwertung von Schlempe, darunter Nutzungsverbote in Risikogebieten und festgelegte Mengen in Nicht-Risikogebieten.
8. Zielkonflikt zwischen Zuckerrohranbau und Schutz der Amazonaswälder
Wie bereits unter Punkt b) Flächennutzung erwähnt, nehmen Zuckerrohrplantagen lediglich 0,6%, d.h. 5,3 Millionen Hektar, des brasilianischen Staatsgebiets ein (Südosten (80%) und Nordosten) und liegen tausende Kilometer von den amazonischen Regenwäldern entfernt. Studien des brasilianischen Umweltministeriums zufolge könnten 100 Millionen Hektar Land zusätzlich zu den bestehenden 62 Millionen Hektar Ackerfläche genutzt werden, ohne dafür Urwälder abholzen zu müssen.
Die klimatischen Verhältnisse in Amazonien lassen zudem den Anbau von Zuckerrohr überhaupt nicht zu, denn dieses benötigt trockenes Klima, um Saccharose bilden zu können. In feuchtem Regenwaldklima würde das Zuckerrohr wie ein Schwamm Wasser aufsaugen und speichern, die Ausbildung von Saccharose ist somit unmöglich. Zudem ist die Ausweitung der Ethanolproduktion in den letzten Jahren mit einem beispiellosen fünfzigprozentigen Rückgang der Rodungen im Amazonien zwischen 2003 und 2006 einhergegangen.
(V) Sozialbilanz
1) Sozioökonomische Grundlagen der Zucker- und Ethanolwirtschaft
Die Branche gehört zu den Wirtschaftsbereichen mit den meisten Arbeitskräften. Etwa eine Million Menschen leben direkt (u.a. in Kooperativen oder Familienbetrieben), weitere sechs Millionen indirekt von der Zucker- und Alkoholindustrie. Sie leistet damit einen entscheidenden Beitrag zur sozialen Inklusion und zur Verbesserung der Lebensbedingungen der örtlichen Bevölkerung.
Eine Produktionssteigerung um eine Million Tonnen Alkohol schafft 130.000 neue direkte und indirekte Arbeitsplätze. 60% der gesamten Produktion Brasiliens stammen aus Großbetrieben, die restlichen 40% von unabhängigen kleinen und mittleren Betrieben. Hiervon wiederum sind 20% Brennereien mit weniger als 4 ha Anbaufläche.
Die Arbeitsbedingungen im Zuckerrohranbau sind im Schnitt besser als diejenigen in den übrigen Sektoren der brasilianischen Volkswirtschaft. Die durchschnittlichen Löhne ungelernter Arbeitskräfte liegen in São Paulos Zuckerwirtschaft etwa 86% über denen anderer Bereiche der Landwirtschaft, 46% über denen der Industrie und 56% über den Löhnen des Dienstleistungssektors. Das Familieneinkommen dieser Arbeiter liegt über dem von 50% der brasilianischen Familien.
Neben den rein ökonomischen Vorteilen der Zuckerproduktion - umfangreiche Schaffung von Arbeitsplätzen und Einkommen, Verringerung der Landflucht, etc. -, fördert dieser Wirtschaftszweig seit jeher Sozialprojekte im Bereich Bildung, Wohnungsbau sowie Umwelt- und Gesundheitsschutz zum Wohle der Arbeiter und der Gemeinden. Die Zucker und Alkohol produzierenden Betriebe unterhalten landesweit mehr als 600 Schulen, 200 Tagesstätten, 300 Gesundheitsstationen und fördern diverse weitere Projekte.
Eine Studie unter 50 Zucker- und Ethanolunternehmen im Bundesstaat São Paulo, aus dem 60% der landesweiten Zuckerrohrernte stammt, hat ergeben, dass in den 150 Verwaltungsbezirken, die von diesen Projekten profitieren, insgesamt 34 Millionen Menschen leben. Die folgenden Daten geben Aufschluss über das Engagement der Unternehmen:
98% der Unternehmen haben Kantinen;
95% der Unternehmen haben Kindertagesstätten/Horte;
86% bieten Unterkünfte für Arbeitskräfte von außerhalb;
84% beteiligen ihre Mitarbeiter am Unternehmensgewinn;
74,8% der Arbeiter wurden im Bundesstaat São Paulo geboren;
90% der Arbeitskräfte sind fest angestellt, 10% arbeiten für Drittfirmen;
58,3% der Unternehmen erfüllen bereits die gesetzliche Quote für die Beschäftigung behinderter Menschen (Art. 93 Gesetz Nr. 8.213/91).
Die erwähnte Studie gibt einen Überblick über die vielfältigen Sozialprojekte, die im Bundesstaat São Paulo gefördert werden. Mehr und mehr Bundesstaaten folgen nun diesem Beispiel. Ein Projekt, das erst kürzlich entwickelt wurde, zielt auf eine stärkere Einbindung von Behinderten in die Belegschaften ab und leistet diesbezüglich Aufklärungsarbeit.
Von den 90 Mitgliedsfirmen des Verbandes der Zuckerwirtschaft von São Paulo UNICA (União da Agroindústria Canavieira de São Paulo) wurden gemeinsam mit Arbeitern und Gemeinden im Jahr 2003 insgesamt 420 soziale Projekte in den Bereichen Bildung, Kultur, Sport, Umweltschutz, Lebensqualität und Gesundheitsschutz durchgeführt. Hervorzuheben ist dabei ein Projekt zur Fortbildung und Einbeziehung überschüssiger lokaler Arbeitskräfte, mit dem beachtliche Erfolge erzielt wurden. Die Unternehmen investieren darüber hinaus in Fortbildungskurse, von Alphabetisierungskampagnen bis hin zu Hochschul- und MBA-Studien.
In der gesamten Zucker- und Ethanolwirtschaft hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass das Wachstum dieser Branche von einer sozialen Verantwortung der Unternehmen getragen werden muss, d.h. die Unternehmensführung übt eine gesellschaftliche Funktion aus, sorgt sich um die Auswirkungen der Unternehmenspolitik und -praktiken und trägt zum Wohl der Bevölkerung bei.
So erstellen die in der UNICA zusammengeschlossenen Unternehmen beispielsweise Sozialbilanzen auf Grundlage eines Modells des Brasilianischen Instituts für Gesellschafts- und Wirtschaftsanalysen IBASE sowie von OECD-Richtlinien für Soziale Verantwortung Multinationaler Unternehmen. Dabei können sie auch auf die Mithilfe und Erfahrung renommierter Einrichtungen wie des brasilianischen Ethos-Instituts, der nordamerikanischen Business School for Social Responsability und der Konrad-Adenauer-Stiftung zählen.
Die sozialen Indikatoren, die IBASE zugrunde legt, sind: (a) Ernährung, Vorsorge, Bildung, Kultur, Weiterbildung, berufliche Entwicklung, Kinderhorte, Beteiligung an Unternehmensgewinnen, Ernährungssicherheit und Bekämpfung von Hunger; (b) Daten über die Belegschaft im Unternehmen wie Anzahl an Praktikanten, Mitarbeitern über 45 Jahren, Frauen, Schwarzen und Behinderten sowie (c) Informationen über die Ausübung von Mitarbeiterrechten. Auf Grundlage dieser Daten über die Lage in den Unternehmen werden Maßnahmen konzipiert, mit denen das soziale Engagement weiter gestärkt oder ausgebaut werden soll.
Die UNICA nimmt darüber hinaus an der internationalen Studie „Business and Economic Development” teil, um den Erfolg der Unternehmen bei der Umsetzung der Maßnahmen sowie die Nachhaltigkeit des jeweiligen Modells zu überprüfen.
2) Maßnahmen der brasilianischen Regierung zur Bekämpfung der Zwangsarbeit und menschenunwürdiger Arbeitsbedingungen.
Die brasilianische Regierung betreibt eine erfolgreiche Politik der Überwachung und Bekämpfung menschenunwürdiger Arbeitsbedingungen und Zwangsarbeit. Hervorzuheben ist, dass die Internationale Arbeitsorganisation ILO die Anstrengungen der brasilianischen Regierung zur Beendigung dieser Praktiken in ihrem Bericht „Eine globale Allianz gegen Zwangsarbeit” vom Mai 2005 gewürdigt und Brasilien darin für seine Mobilisierungskampagne gegen diese Praktiken als international vorbildlich bezeichnet hat.
Daten des Arbeitsministeriums zufolge wurden in Brasilien 2006 insgesamt 2624 Betriebsinspektionen durchgeführt, davon allein 779 im Bundesstaat São Paulo. Von den 745.238 Arbeitern, die allein im Bundesstaat São Paulo in den besichtigten Betrieben arbeiteten, waren 12.215 illegal beschäftigt, wurden jedoch noch während der Überprüfungen legal angemeldet. Es gibt also durchaus Fälle, in denen Arbeitsbedingungen nicht den gesetzlichen Normen entsprechen, es kann aber dabei keinesfalls von einer gängigen Praxis in der gesamten Branche ausgegangen werden.
Das Auftreten unerwünschter Zustände in der Zuckerwirtschaft bedeutet aber mitnichten ein mangelndes Interesse von Seiten des Staates an der Gewährleistung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen in dieser Branche. Neben der regelmäßigen Überprüfung von Betrieben durch die zuständigen Behörden (s.o.) erarbeiten die Regionale Behörde für Arbeit sowie das Arbeitsministerium in São Paulo eine Reihe von spezifischen Maßnahmen für diese Branche. 2006 wurde zudem im brasilianischen Arbeitsministerium eine Drei-Parteien-Kommission ins Leben gerufen, die sich mit dem Arbeitsprinzip „Lohn nach Leistung” befassen soll.
BIODIESEL
(I) Einführung
Analog zum seit langer Zeit erfolgreich betriebenen Ethanolprogramm hat Brasilien im Jahr 2004 das Programm zur Produktion und Nutzung von Biodiesel (Programa Nacional de Produção e Uso de Biodiesel - PNPB) aufgelegt. Dieses Programm kann auf das Potential eines Landes zurückgreifen, dem sich die Möglichkeit eröffnet, auch im Bereich dieses Biotreibstoffs ein wichtiger Anbieter auf dem Weltmarkt zu werden. Dabei kann in einem Moment, da weltweit von konventioneller Antriebstechnik auf Fahrzeuge einer neuen Generation umgestellt wird, allen Anforderungen an Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit Rechnung getragen werden.
Biodiesel ist ein erneuerbarer Kraftstoff, der mittels verschiedener Verfahren wie Cracken, Veresterung und Umesterung gewonnen wird. Als Rohstoffe kommen tierische Fette und Pflanzenöle in Betracht. Dutzende verschiedener Pflanzenarten sind als Öllieferanten geeignet, so etwa Rizinus, Ölpalmen, Sonnenblumen, Babaçu-Palmen, Erdnüsse, Purgiernuss und Soja. Biodiesel ist geeignet, mineralischen Dieseltreibstoff für Kraftfahrzeuge (LKW, Traktoren, PKW etc.) und stationäre Dieselmotoren (Generatoren etc.) teilweise oder vollständig zu ersetzen. Biodiesel kann in Reinform (B100) oder als Beimischung zu Mineralöldiesel in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen eingesetzt werden. Hierbei entspricht B2 einer zweiprozentigen Beimischung etc.
Brasilien bietet ideale Voraussetzungen, um ein wichtiger Anbieter auf dem Weltmarkt zu werden, es verfügt über umfangreiche, landwirtschaftlich nutzbare Flächen, die noch brachliegen. Zu diesen Brachflächen zählen weder Regenwälder noch Naturschutzgebiete. Biodiesel kann aus verschiedenen Pflanzenarten hergestellt werden. Deren Einsatz richtet sich, wie weiter unten dargelegt werden wird, nach wirtschaftlichen, sozialen und Umweltaspekten. Dank einer seit den siebziger Jahren betriebenen aktiven Forschungspolitik, die auch internationale Zusammenarbeit, insbesondere mit Deutschland, einschließt, steht die notwendige Technologie für einen nachhaltigen Herstellungsprozess zur Verfügung. Der Binnenmarkt ist in stetem Wachstum begriffen, da die Beimischung von Biodiesel gesetzlich vorgeschrieben ist. Der Anteil wird von 2% im Jahr 2008 schrittweise auf 5% im Jahr 2013 erhöht.
Das Programm zur Produktion und Nutzung von Biodiesel stützt sich auf drei Säulen: Umwelt, Soziales und Markt. Eines der Hauptanliegen der Regierung Lula ist es, die ärmeren Schichten der brasilianischen Bevölkerung an einer der dynamischsten Branchen des Landes teilhaben zu lassen. Dabei werden die Umwelt und regionale Besonderheiten selbstverständlich gebührend berücksichtigt.
Etwas mehr als zwei Jahre nach seiner Einführung hat das brasilianische Biodieselprogramm PNPB bereits zu einem exponentiellen Anstieg der Produktionskapazitäten geführt. Im Mai 2007 wurde eine Produktion von 962 Millionen Litern erreicht. Noch im Jahr 2005 wurden lediglich vernachlässigbare Mengen Biodiesel im Rahmen von Pilotprojekten hergestellt. Brasilien hat somit bereits ein Jahr vor Inkrafttreten der obligatorischen zweiprozentigen Beimischung von Biodiesel die Produktionsmenge überschritten, die hierfür notwendig wäre (800 Millionen Liter).
Die Konkurrenzfähigkeit des beigemischten Biodiesels B2 und B5 im Vergleich zu rein fossilem Diesel schwankt naturgemäß entsprechend der eingesetzten Rohstoffe und anderen Faktoren wie dem Devisenkurs und den Transportkosten. Nach dem Bericht einer interministeriellen Arbeitsgruppe ist bereits bei einem Rohölpreis von US$ 29 pro Barrel Biodiesel B5 lediglich 0,21% bis 0,71% teurer als rein fossiler Dieselkraftstoff, wenn steuerliche Einflüsse außer acht gelassen werden.[5]
Laut Angaben des Ministeriums für Landwirtschaft und Versorgung ist reiner Biodiesel aus Soja beim heutigen Entwicklungsstand der Technologie, der Herstellung und des Vertriebs ab einem Rohöl-Barrelpreis von US$ 60 konkurrenzfähig.
(II) Programm zur Produktion und Nutzung von Biodiesel (Programa Nacional de Produção e Uso de Biodiesel - PNPB)
1. Historischer Überblick
Brasilien hat seit den 1970er Jahren Studien zu Biodiesel mit Palmöl als wichtigstem Rohstoff durchgeführt[6]. Der Einsatz von Pflanzenölen zur Energiegewinnung wurde 1975 vorgeschlagen. Dies führte zum „Plan zur Produktion von Pflanzenölen zur Energiegewinnung (Plano de Produção de Óleos Vegetais para Fins Energéticos - Pró-Óleo). Ziel war, die Produktion so zu steigern, dass die Produktionskosten im Vergleich zu Mineralölprodukten konkurrenzfähig würden. Es war vorgesehen, dem Dieselkraftstoff 30% Pflanzenöl beizumischen und diesen auf lange Sicht vollständig zu ersetzen. Diese Untersuchungen brachten Brasilien eine Vorreiterposition ein, und so konnte das Land als eines der ersten bereits 1980 ein Patent auf den Herstellungsprozess von Biodiesel anmelden.
Der Entwicklung von Biodieseltechnologien wurde unter der Regierung des Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva erstmals absolute Priorität eingeräumt. Im Juli 2003 hat das Präsidialamt eine interministerielle Arbeitsgruppe zusammengestellt und ihr die Aufgabe übertragen, Machbarkeitsstudien über den Gebrauch von Biodiesel als alternative Energiequelle zu erstellen. Die Arbeitsgruppe hat unter anderem folgende Aspekte untersucht: a) Machbarkeit der Herstellung und Anwendung von Biodiesel aus Rizinus und anderen brasilianischen Ölfrüchten; b) Möglichkeiten für die Einführung von Biodiesel auf dem Markt für Dieselkraftstoff und Festlegung der Vertriebslogistik; c) Leistungsverhalten der Motoren und Auswirkungen einer Beimischung von 2% bis 5% Biodiesel zu herkömmlichem Diesel unter Beibehaltung der Herstellergarantie für den Verbraucher; d) Standortstudien für Produktionsschwerpunkte von Biodiesel; e) Anbau, Pressung, Herstellung und Vertrieb; f) Ausgestaltung des Besteuerungsmodells; g) Vergleich der Konkurrenzfähigkeit von Biodiesel gegenüber fossilem Diesel.
Die Ergebnisse dieser Studien wurden in einem Bericht zusammengefasst, der die Einführung des Programms zur Produktion und Nutzung von Biodiesel PNPB als strategische und vordringliche Maßnahme für die sozioökonomische Entwicklung Brasiliens vorschlägt.
2. Struktur des PNPB
Das Programm zur Produktion und Nutzung von Biodiesel PNPB hat zum Ziel, wirtschaftliche, soziale und Umweltinteressen gleichberechtigt zu berücksichtigen. Ziel ist, im brasilianischen Energiemix einen Kraftstoff einzuführen, dessen Herstellung wirtschaftlich selbsttragend ist und gleichzeitig Umweltvorteile (Verminderung der CO2-Emissionen) bringt sowie Arbeitsplätze in ländlichen Regionen, besonders in bäuerlichen Familienbetrieben, schaffen kann. Im Einzelnen wurde das PNPB nach folgenden Kriterien gestaltet: a) soziale Inklusion; b) Inwertsetzung von Ölfrüchten entsprechend der regionalen Besonderheiten und Umweltbedingungen; c) Versorgungssicherheit; d) Qualitätssicherung für den Verbraucher; e) Konkurrenzfähigkeit gegenüber konventionellem Dieseltreibstoff.
Um diesen Zielen näher zu kommen, wurde im Rahmen des PNPB ein System von Normen, Fördermaßnahmen, Qualifikations- und Forschungsprogrammen entworfen, das für die Produzenten Rentabilität sowie die Einbindung bäuerlicher Landwirtschaft an der Seite von Betrieben des Agrobusiness als nachhaltige Lieferanten des Rohstoffes für die Herstellung von Biodiesel sicherstellt.
Das PNPB verfügt über ein umfangreiches Regelwerk, das technischen, sozialen und finanziellen Aspekten der gesamten Produktionskette von Biodiesel Rechnung trägt. Besonders erwähnenswert sind folgende Bestimmungen:
- Vorläufige Maßnahme MP 227/04: Festlegung der Besteuerungsrichtlinien für das PNPB, abhängig von Produktionsweise, Region und Rohstoff vollständige oder teilweise Steuerbefreiung;
- Dekret 5297/04: Festlegung der Verminderung der Sozialabgaben PIS/COFINS sowie Schaffung des Gütesiegels „Sozialverträglicher Treibstoff”;
- Dekret 5.298/04: Befreiung des Biodiesels von der Industrieproduktsteuer (Imposto sobre Produtos Industrializados - IPI)
- Verschiedene Beschlüsse der Erdölagentur (Agência Nacional de Petróleo - ANP): Festlegung verbindlicher Normen für die Herstellung von Biodiesel, technische Spezifikationen und Regelungen für den Vertrieb.
3. Inlandsproduktion und Binnenmarkt
Das Regelwerk des PNPB erlaubt die Herstellung von Biodiesel auf Grundlage verschiedener Rohstoffe sowie mit verschiedenen Verfahren und ermöglicht so die Teilnahme sowohl des Agrobusiness als auch der Familienlandwirtschaft. Die Brasilianische Erdölagentur (Agência Nacional de Petróleo - ANP) ist für die technischen Spezifikationen, die Qualitätskontrolle des Treibstoffs und die Struktur der Vertriebswege verantwortlich. Der brasilianische Biodieselmarkt ist bisher noch auf staatliche Versteigerungen beschränkt, wobei die Petrobras als wichtigster Käufer auftritt. Die Beimischung des Biodiesels zum konventionellen Diesel wird von den Vertriebsunternehmen und den Raffinerien durchgeführt.
Nach Angaben des Ministeriums für Bergbau und Energie haben die brasilianischen Produktionskapazitäten im Jahr 2006 bei 46 Standorten 700 Millionen Liter erreicht. Etwa 70% der Produktionsmenge stammen dabei aus Unternehmen mit einer Produktionskapazität von 50.000m³ jährlich. Das Vertriebsnetz umfasst 3.400 Tankstellen. Bis Ende 2007 dürften bereits 20 neue Produktionsanlagen den Betrieb aufnehmen, die Produktionskapazität sollte demnach auf 1,3 Milliarden Liter steigen.
Seit Einführung des PNPB lässt sich das Volumen des brasilianischen Binnenmarkts nach den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestbeimischmengen berechnen. Für 2005 bis 2013 ergeben sich folgende Jahresmengen:
2005 bis 2007: 2% Beimischung auf freiwilliger Basis (840 Millionen Liter)
2008 bis 2012: 2% Pflichtbeimischung (1 Milliarde Liter)
ab 2013: 5% Pflichtbeimischung (2,4 Milliarden Liter)
Die Brasilianische Regierung bemüht sich aktiv um ausländische Investitionen in die Biodieselproduktion. Damit soll nicht allein mittelfristig die Befriedigung der Binnennachfrage sichergestellt werden, Brasilien möchte auch auf dem vielversprechenden Weltmarkt reüssieren. Seit 2003 bemühen sich Brasilien und Deutschland im Rahmen der traditionsreichen Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage, die ein Forum für Regierungen und Wirtschaft beider Länder sind, um Synergien auf Grundlage der künftigen Nachfragesteigerung in Europa und der fortschrittlichen deutschen Produktionstechnologie.
4. Grundstoffe des brasilianischen Biodiesels
Nach den Maßstäben der Wirtschaftlichkeit, nachhaltigen Umweltverträglichkeit und der sozialen Inklusion sieht das PNPB in groben Zügen folgende regionale Verteilung von Ölfruchtkulturen für die Herstellung von Biodiesel vor: Im Norden des Landes Ölpalme, Babaçú-Palme und Soja, im Zentralen Westen Soja, Rizinus, Baumwolle und Sonnenblume, im Südosten Soja, Rizinus, Baumwolle und Sonnenblume; im Nordosten Babaçú-Palme, Soja, Rizinus und Ölpalme.
Die vielversprechendsten Grundstoffe sind Soja (400l/ha.) für den Süden, Südosten und Zentralen Westen, Rizinus (705l/ha.) für den Nordosten und Ölpalme (5.000l/ha.) für die Amazonasregion. Sonnenblume, Erdnuss und andere Palmgewächse wurden ebenfalls in Betracht gezogen. Einige Studien erwähnen auch eher ungewöhnliche Kulturen wie Avocado mit einer geschätzten Produktivität von 1.200 Litern pro Hektar.
Soll die Nachfrage nach Biodiesel bei einer fünfprozentigen Beimischung allein mit Soja, Ölpalme und Rizinus befriedigt werden, so ist eine Anbaufläche von etwa 3 Millionen Hektar erforderlich. Für die Expansion des Anbaus von Ölfrüchten stehen mindestens 90 Millionen Hektar zur Verfügung.
Soja stellt sowohl in Form des ganzen Korns als auch in Form von Rückständen der Ölproduktion und Presskuchen die praktikabelste Möglichkeit der Biodieselproduktion dar. Etwa 90% des Biodiesels wird gegenwärtig aus Soja hergestellt. Da jedoch die soziale Inklusion eines der Ziele des PNPB darstellt, sind für die ärmeren Regionen des Landes von bäuerlichen Familienbetrieben produzierte Ölfrüchte von besonderer Bedeutung - Rizinus im semiariden Nordosten bzw. Ölpalme im tropischen Norden.
5. Soziale Aspekte
Eine der Leitlinien, die die brasilianische Regierung für das PNPB aufstellte, war die soziale Komponente. Der Plan garantiert mithilfe diverser Instrumente die Einbindung landwirtschaftlicher Familienbetriebe[7] als nachhaltige Rohstofflieferanten:
a) Steuerpolitik: anteilige oder vollständige Steuerbefreiung je nach Anbaumethode, Region und verwendetem Rohstoff; Senkung diverser indirekter Steuern beim Kauf von Rohstoffen;
b) Auktionen, bei denen sichergestellt wird, dass der Rohstoff aus Familienbetrieben stammt;
c) Weiterbildungsmaßnahmen sowie Forschungs- und Entwicklungsprojekte zur Unterstützung kleinbäuerlicher Betriebe;
d) Produktionsbeihilfen;
e) Einführung des Gütesiegels „Selo Combustível Social” (in Verbindung mit Steuervergünstigungen (siehe a) für Biodieselproduzenten, die bestimmte Auflagen beim Erwerb der Rohstoffe beachten, darunter: Ankauf von mindestens 50% der Rohstoffe aus Familienbetrieben im semiariden Nordosten, 10% im Norden und Zentralwesten sowie mindestens 30% im Süden und Südosten; technische Weiterbildungsmaßnahmen für Landwirte.
Die besondere Berücksichtigung der sozialen Dimension im PNPB geht auf eine Studie der Ministerien für Ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Versorgung, Nationale Integration sowie für Städtebau zurück, in der belegt wurde, dass die Substitution von 1% Biodiesel 45.000 neue Arbeitsplätze und ein durchschnittliches Jahreseinkommen von etwa 4.900 Real in ländlichen Gebieten schafft.
Im semiariden Nordosten, einer der ärmsten Regionen des Landes, liegt das durchschnittliche Einkommen von Familien, die vom Rizinus-Anbau leben und zwischen 700 und 1.200 Kilo/ha ernten, zwischen 2.500 und 3.500 Real. Die Ackerflächen können gleichzeitig für den Anbau von Bohnen oder Mais genutzt werden.
Wenn man annimmt, dass pro Arbeitsplatz auf dem Land etwa drei in den Städten entstehen, kann man von insgesamt 180.000 neu geschaffenen Arbeitsplätzen ausgehen. Bei einem Anteil von 6% kleinbäuerlichen Familienbetrieben in der Biodieselbranche ergäbe das zusammengenommen gut eine Million Arbeitsplätze.
In der industriellen Landwirtschaft wird pro 100 Hektar Anbaufläche ein Arbeiter benötigt, während in der Familienlandwirtschaft ein Arbeiter lediglich 10 Hektar bearbeitet. Für jedes Prozent Anteil kleinbäuerlicher Landwirtschaft am Biodieselmarkt werden Investitionen von ca. R$ 220 Mio. benötigt. Dadurch wird ein zusätzliches Einkommen in Höhe von R$ 470 Mio. geschaffen, jeder eingesetzte Real schafft also R$ 2,13 zusätzliches Einkommen.
(III) Umweltaspekte
Herstellung und Nutzung von Biodiesel stehen für die Entwicklung eines Rohstoffs, durch den die Umwelt nachhaltig geschützt wird. Die Emissionen liegen niedriger als bei herkömmlichem Diesel, insbesondere bei Schwefeloxiden, Kohlenwasserstoffen und Feinstaub. Das Kohlendioxid, das im Verbrennungsprozess entsteht, ist jenes, das bereits während der Wachstumsphase des Rohstoffs gebunden wurde, Biodiesel ist also CO2-neutral.
So werden durch die Nutzung von Biodiesel (B100) aus Soja beispielsweise 48% weniger Kohlenmonoxid, 47% weniger Feinstaub, 100% weniger Schwefeloxide und gut 67% weniger Kohlenwasserstoffe ausgestoßen.
Zwar steigen durch Biodiesel die Stickoxid-Emissionen um ca. 10%, unter dem Strich bleibt jedoch eine deutlich geringere Umweltbelastung, insbesondere dann, wenn man die gesamte Produktionskette des Biodiesels berücksichtigt, von der Aussaat, über Anbau, Ernte, Transport, Lagerung und Verarbeitung bis hin zum Verbrauch. Aktuelle Studien zielen auf eine weitere Reduzierung der Stickoxide durch Einbau geeigneter Katalysatoren ab.
Für die Herstellung von Biodiesel sind zahlreiche Rohstoffe geeignet. Die am weitesten verbreitete Kultur ist Soja, das für ca. 90% der landesweiten Biodieselproduktion verwendet wird. Soja steht vielfach in Verdacht, zur Abholzung des Regenwaldes beizutragen. Hier sind jedoch Zweifel angebracht, denn gerade einmal 0,3% des brasilianischen Sojas werden in Amazonien angebaut. Die Anbauflächen summieren sich auf lediglich 1,2% der Gesamtfläche der „Amazônia Legal”[8], hauptsächlich in der Übergangszone zwischen den tropischen Waldgebieten und den Hochlandsavannen („Serrado”). Der Soja-Anbau kann daher nicht als ein Grund für Abholzung angesehen werden.
Darüber hinaus gibt es für die Ausweitung des Soja-Anbaus zum Zwecke der Biodiesel-Herstellung keine finanziellen Anreize von Seiten der Regierung, denn diese bietet lediglich Unterstützung für kleinbäuerliche Betriebe zur Förderung der sozialen Inklusion. Unter diesem Gesichtspunkt bietet die Förderung der Biodiesel-Herstellung auf Grundlage von Rizinus (im Nordosten) oder Ölpalmen (im Norden) erheblich bessere Voraussetzungen, denn sie werden, im Gegensatz zu Soja, hauptsächlich von Kleinbetrieben angebaut.
Die brasilianische Regierung fördert die Herstellung von Biodiesel auf Grundlage von Rizinus, Sonnenblumen und insbesondere Ölpalmen, denn diese verfügen mit 5.000 l/ha über einen sehr hohen Ertrag, der 12 Mal über dem von Soja liegt. Im Hauptanbaugebiet dieser Palmen im nördlichen Bundesstaat Pará wurden durch diese Kultur bereits 20% der Flächen wiederaufgeforstet. Die Produktion liegt derzeit bei etwa 150.000 Tonnen Palmöl, könnte aber nach Angaben des Ministeriums für Bergbau und Energie auf bis zu 4,5 Mio. Tonnen ausgeweitet werden, wenn die Anbauflächen auf bis zu 100.000 km² vergrößert werden, insbesondere in bereits abgeholzten Gegenden, die dadurch wiederaufgeforstet werden könnten. Palmöl ist darüber hinaus auch im Hinblick auf die Energiebilanz der effizienteste Rohstoff für die Herstellung von Biodiesel (s. unten).
Hier sei angemerkt, dass die Ausweitung der Ölpalmenkulturen keine Rodungen von Primärwaldgebieten in Amazonien verursacht hat. Die Abholzungen in Amazonen sind in den letzten drei Jahren um durchschnittlich 50% zurückgegangen.
Die Rizinus- und Sonnenblumenkulturen, die ebenfalls zur Gewinnung von Biodiesel eingesetzt werden, sind in Gebieten angesiedelt, die weit von den tropischen Regenwäldern Brasiliens entfernt liegen. Rizinus wird überwiegend im Nordosten angebaut, Sonnenblumen im Zentralen Süden.
Allein für Rizinus stehen im semiariden Nordosten, weit weg vom Amazonasbecken, mehr als 4,5 Millionen Hektar potentieller Anbaufläche zur Verfügung. Für Kleinlandwirte wurden Techniken entwickelt, zwei Ölfrüchte gleichzeitig anzubauen, wie etwa Rizinus und Sesam, Rizinus und Erdnuss oder Baumwolle und Sesam und so die Produktivität auf 1.000 Liter Öl pro Hektar (Soja: 400l/ha) zu steigern.
Durch die Möglichkeit, Biodiesel aus Frittierfett oder sogar Fetten und Ölen im Abwasser (dies wird noch untersucht) herzustellen, kann die Umweltbelastung durch fetthaltige Abfallstoffe gesenkt werden.
Zur Schädlingsbekämpfung in diesen Kulturen nutzen viele Produzenten einen integrierten Ansatz. Das Agrarforschungsinstitut Embrapa und andere Forschungseinrichtungen entwickeln krankheitsresistente Varietäten. Die Landwirte sind sich der Tatsache bewusst, dass der übermäßige oder falsche Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sowohl wirtschaftliche Einbußen als auch Umweltschäden verursacht. Das Gesundheitsministerium, das Umweltministerium und das Landwirtschaftsministerium überwachen den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und können die Vermarktung der Ernte im Falle von ernsten Verstößen untersagen.
(IV) Biodiesel und Lebensmittel
In der Öffentlichkeit wird verschiedentlich auf das Risiko einer Konkurrenz von landwirtschaftlicher Produktion zur Nahrungsmittelerzeugung und zur Energiegewinnung hingewiesen. Dabei wird behauptet, der Anbau von Energiepflanzen verknappe das Nahrungsmittelangebot. Diese These ist aus folgenden Gründen unzutreffend:
a) Das Öl wird für die Herstellung von Biodiesel eingesetzt, und die proteinreichen Rückstände (Presskuchen bzw. Sojaschrot) werden als Tierfutter oder natürlicher Dünger eingesetzt. Der Ölanteil der verschiedenen eingesetzten Rohstoffe schwankt zwischen 17% und 50%. Folglich fällt bei jeder produzierten Tonne Biodiesel mindesteins eine Tonne Presskuchen als Tierfutter oder natürlicher Dünger an, der die Nahrungsmittelproduktion steigert.
b) Bei der Produktion der Rohstoffe wird häufig auf wirtschaftlich weniger interessante Flächen zurückgegriffen, die etwa in semiariden Regionen liegen, oder es werden Ruheperioden genutzt, während derer die Flächen sonst brachliegen würden. Baumwolle und Sonnenblumen werden beispielsweise angebaut, wenn gerade kein Zuckerrohr auf den Feldern steht, Sonnenblumen werden als Folgekultur von Baumwolle eingesetzt etc.
c) Insbesondere in der bäuerlichen Landwirtschaft werden Kombinationskulturen bevorzugt, wobei es sich bei einer Kultur um Lebensmittel handelt. Dies ist u.a. bei der Kombination von Papayas und Bohnen, Rizinus und Hirse, Ölpalme und Banane der Fall.
(V) Biodiesel und das Kyoto-Protokoll
Im Zusammenhang mit dem Handel von Kohlendioxydzertifikaten, wie er im Kyoto-Protokoll vorgesehen ist, können Unternehmen finanziert werden, die zur Verminderung der Emissionen von Treibhausgasen beitragen. Aus brasilianischer Sicht stellt dies eine neue Quelle zur Finanzierung von Entwicklung zu sehr vorteilhaften Bedingungen dar. Die Regierung erhält so die Möglichkeit, zuvor gebundene Mittel in anderen vordringlichen Bereichen wie Bildung, Gesundheit oder Infrastruktur einzusetzen.
Der Saubere-Entwicklung-Mechanismus (CDM) wurde aufgrund eines Vorschlags Brasilien an die Rahmenkonvention der Vereinten Nationen über den Klimawandel eingerichtet. Es handelt sich hierbei um den Handel von Emissionsrechten auf der Grundlage von Projekten zur Bindung oder Verminderung von Kohlendioxydemissionen. Der CDM ist ein Instrument zur Flexibilisierung, der den Zugang zu Emissionsrechtemärkten in Entwicklungsländern oder Ländern, die wie Brasilien keine Reduktionsverpflichtungen haben, regelt. Ländern, die ihre Reduktionsziele nicht erreichen können, steht es frei, in CDM-Projekte in Entwicklungsländern zu investieren. Auf diese Weise können Industrieländer von den für diese Projekte verantwortlichen Entwicklungsländern Emissionsrechte erwerben.
Die Vorteile der Produktion von Biodiesel können daher nach den Bestimmungen des Kyoto-Protokolls und des CDM direkt in wirtschaftlichen Nutzen umgesetzt werden. Die Ersparnis von CO2-Emissionen durch den Einsatz eines umweltfreundlicheren Kraftstoffes kann auf etwa 2,5 Tonnen CO2 pro Tonne Biodiesel beziffert werden. Auf dem Europäischen Markt werden die Emissionsrechte zu einem Kurs von etwa 9,25 Dollar pro Tonne CO2 gehandelt. 170.000 Tonnen Biodiesel, die brasilianische Jahresproduktion 2006, vermindern die CO2 Emissionen also um 425.000 Tonnen, die mit 4 Millionen Dollar bewertet werden können. Dies ist ein vorerst noch sehr bescheidener Wert, der jedoch noch erheblich gesteigert werden kann, wenn die vorhandenen Potentiale genutzt werden.
(VI) Energiebilanz
Das Verhältnis zwischen im Produktionsprozess eingesetzter und in Form von Kraftstoff gewonnener Energie beträgt im Falle von Ethanol aus Zuckerrohr beispielsweise 8,3 zu 1. Bei Biodiesel ist die Energiebilanz nicht ganz so positiv, liegt jedoch noch im günstigen Bereich. In Brasilien haben einige Studien zu Biodiesel ergeben, dass die Energiebilanz für Biodiesel beim Einsatz von Soja etwa 1,4 zu 1 beträgt, das entspricht etwa der Energiebilanz des in den USA aus Mais erzeugten Ethanols. Andere Rohstoffe weisen bessere Werte auf, so etwa 3,5 zu 1 bei Palmöl und 2,9 zu 1 bei Rizinus.
Ölsaaten weisen eine schlechtere Energiebilanz als Ethanol auf, da bei ihrem Anbau in weit höherem Maße erdölbasierte Vorprodukte zum Einsatz kommen als beim Zuckerrohr, bei dem die Reststoffe Schlempe und Bagasse verwendet werden können.
(VII) Ausblick H-Bio - eine neue Technologie aus Brasilien
Das kürzlich von der staatlichen Erdölgesellschaft Petrobras entwickelte H-BIO-Verfahren schließt teilweise nachwachsende Rohstoffe (Pflanzenöl) bei der Dieselproduktion in Erdölraffinerien mit ein.
Das H-BIO-Verfahren wurde entwickelt, um den nachwachsenden Rohstoff in die Erdöl-Raffination einzubringen und die Nutzung bereits vorhandener Anlagen zu ermöglichen. Die Öle pflanzlichen oder tierischen Ursprungs werden mit Erdölfraktionen vermischt und anschließend im Hydrotreating-Verfahren behandelt, das in den Raffinerien insbesondere zur Absenkung des Schwefelgehaltes und Verbesserung der Kraftstoffqualität angewandt wird. Ein wichtiges Ziel ist hierbei, die ANP-Spezifikationen einzuhalten.
Die Petrobras hält es für machbar, das H-BIO-Verfahren bis zum zweiten Halbjahr 2007 in drei Raffinerien einzuführen. Damit ergäbe sich ein Einsatz von Pflanzenöl in der Größenordnung von 256.000 m³ pro Jahr. Dies entspricht etwa 10% der brasilianischen Pflanzenölexporte im Jahr 2005. Für 2008 ist die Einführung der H-BIO-Technologie in zwei weiteren Raffinerien vorgesehen, wodurch sich die Verarbeitungskapazität für Pflanzenöl auf etwa 425.000 m³ pro Jahr erhöhen dürfte.
Ergänzend zum laufenden brasilianischen Biodieselprogramm wird mit H-BIO ein neues Produktionsverfahren eingeführt, um künftig den Einsatz von Biomasse innerhalb der Energiematrix des Landes zum Wohl der Umwelt und der Bevölkerung zu verstärken.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
1. Stellt die Förderung der Ethanolherstellung kein Hindernis für die Lebensmittelsicherheit dar?
Im Falle Brasiliens nicht. Der Zuckerrohranbau nimmt heute eine Fläche von etwa 50.000 km2 ein, was weniger als 1% des Staatsgebietes und weniger als 10% der landwirtschaftlichen Nutzfläche entspricht. Der Getreideanbau erstreckt sich auf eine Fläche von etwa 400.000 km2 und wird von der Zuckerrohrkultur nicht beeinträchtigt. In den vergangenen 30 Jahren ist die Zuckerrohrproduktion von 100 Mio. auf 415 Mio. Tonnen gestiegen, während der Getreideanbau von 47 Mio. auf 100 Mio. Tonnen zugenommen hat. Dies zeigt, dass der Zuckerrohranbau die Lebensmittelproduktion nicht negativ beeinflusst hat.
2. Führt die Förderung der Ethanolherstellung nicht zu verstärkten Abholzungen in Amazonien und dem Pantanal?
Nein, weil sich nahezu 90% der brasilianischen Zuckerrohranbauflächen im zentralen Süden (Centro-Sul), der Rest im Nordosten des Landes befinden, also weit entfernt vom Amazonas-Gebiet und dem Pantanal. Ferner ist der Anstieg der Zuckerrohrproduktion auf eine höhere Produktivität der bereits bestehenden Anbauflächen, und nicht etwa auf die nur geringfügige Nutzung neuer Gebiete zurückzuführen. Im Bundesstaat São Paulo, wo sich der Anbau von Zuckerrohr für die Ethanolherstellung konzentriert, ist die Produktivität in den vergangenen 30 Jahren von 47 auf 70 Tonnen pro Hektar gestiegen.
3. Aber die Tatsache, dass der Zuckerrohranbau auf einem bestimmten, begrenzten Raum angesiedelt ist, rechtfertigt damit doch nicht Abholzungen auf genau diesem Gebiet für genau diesen Zweck, oder?
Auf den Anbauflächen für Zuckerrohr sind in jüngerer Zeit keine Abholzungen zu Produktionszwecken erfolgt. Es handelt sich entweder um Flächen, die seit Jahrhunderten (seit dem 16./17. Jahrhundert) für den Zuckerrohranbau genutzt werden, oder um altes Weideland, das nicht für den Zuckerrohranbau abgeholzt wurde. Bei Verwendung der kaliumreichen Schlempe als Düngemittel trägt dieser sogar zu einer gesteigerten Fruchtbarkeit der Böden bei.
4. Hat der Zuckerrohranbau nicht dazu geführt, dass der Sojaanbau und die Viehwirtschaft in Gegenden ausweichen mussten, die näher am Amazonasgebiet liegen?
Nur in sehr geringfügigem Maße. Die starke Zunahme des Zuckerrohranbaus war nicht mit einer flächenmäßigen Ausweitung der Anbauflächen verbunden: Obwohl der Zuckerrohranbau für die Ethanolherstellung im zentralen Süden des Landes zwischen 1992 und 2004 um 60% gestiegen ist, sind 94% dieser Menge auf 1992 bereits existierenden Flächen gepflanzt worden, und nur 6% auf neuen Anbauflächen. Folglich hat die Zunahme des Zuckerrohranbaus nicht zu einer Verlagerung der Sojakulturen und der Viehwirtschaft geführt.
5. Obwohl bei Ethanol weniger Schadstoffe entstehen als bei fossilen Kraftstoffen, könnte dieser Vorteil doch wieder zunichte gemacht werden durch die Tatsache, dass die Verbrennung der Zuckerrohrblätter eine relative hohe Luftverschmutzung verursachen?
Dieser Abbrand wird dank zweier Faktoren erheblich reduziert: 1. eine verstärkte Mechanisierung der Produktion, 2. die Tatsache, dass die Landwirte, um einer Bodenerosion durch Regenfälle vorzubeugen, die Blätter auf der Anbaufläche verteilen, anstatt sie zu verbrennen. Der Bundesstaat São Paulo plant, den Abbrand auf Flächen mit mechanisiertem Anbau bis 2021 und auf Flächen mit nicht-mechanisiertem Anbau bis 2031 abzuschaffen.
6. Führt der Zuckerrohranbau nicht zu Bodenerosion? Und erfordert er nicht einen erhöhten Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln?
Der Zuckerrohranbau führt zu weniger Bodenerosion als der Anbau diverser Getreidesorten, wie Reis, Weizen und Mais, sowie Bohnen. Ferner sind keine Pestizide nötig, Pflanzenkrankheiten und Schädlinge werden größtenteils biologisch, durch den Einsatz von Nützlingen oder anderer natürlicher Feinde der Schädlinge, bekämpft. Hauptdüngemittel ist die Schlempe, ein Abfallprodukt aus der Zuckerrohrverarbeitung, das sehr reich an Kalium, Kalzium und Schwefel ist und damit die Fruchtbarkeit der Böden erheblich steigert.
7. Bedeutet die erfolgreiche und in jeder Hinsicht begünstigte Herstellung von Ethanol in Brasilien, dass dies auch in anderen Ländern angebracht wäre?
Nein. Brasilien erkennt an, dass andere Länder nicht unbedingt über ähnlich günstige Bedingungen verfügen, dass dort Raumnutzungsprobleme, Konflikte mit der Lebensmittelproduktion oder mit Umweltschutzgebieten kalkuliert werden müssen. Die Tatsache, dass der Zuckerrohranbau in Brasilien nachhaltig ist, bedeutet nicht, dass er das auch in anderen Ländern sein muss.
8. Wie günstig ist die Energiebilanz von aus Zuckerrohr gewonnenem Ethanol?
Sehr günstig. Das Verhältnis zwischen der für die Herstellung von Ethanol notwendigen fossilen Energie und der produzierten Energie wird auf 8,3 veranschlagt. Dies bedeutet, dass eine Einheit fossiler Energie ausreicht, um mehr als acht Einheiten Energie zu produzieren.
Im Vergleich dazu bringt der Einsatz von einer Einheit Energie bei der Herstellung von aus Mais gewonnenem Ethanol in den USA nur 1,4 Einheiten Energie. Dies zeigt das relativ hohe energetische Potential von aus Zuckerrohr gewonnenem Ethanol. Obwohl der Einsatz von fossiler Energie bei der Herstellung von Ethanol in Brasilien nicht ganz zu vermeiden ist, so ist er doch im Vergleich zum weitaus höheren Energiebedarf bei Einsatz anderer Rohstoffe sehr gering und bringt deutlich höhere Erträge.
9. Und die soziale Bilanz des Ethanols? Kommt es nicht zu einer Ausbeutung der Arbeitskräfte im Zuckerrohranbau?
Die Arbeitsbedingungen im Zuckerrohranbau sind im Schnitt besser als diejenigen in den übrigen Sektoren der brasilianischen Volkswirtschaft. Die durchschnittlichen Löhne ungelernter Arbeitskräfte liegen in São Paulos Zuckerwirtschaft etwa 86% über denen anderer Bereiche der Landwirtschaft, 46% über denen der Industrie und 56% über den Löhnen des Dienstleistungssektors. Das Familieneinkommen dieser Arbeiter liegt über dem von 50% der brasilianischen Familien. Neben den rein ökonomischen Vorteilen der Zuckerproduktion - umfangreiche Schaffung von Arbeitsplätzen und Einkommen, Verringerung der Landflucht, etc. -, fördert dieser Wirtschaftszweig seit jeher Sozialprojekte im Bereich Bildung, Wohnungsbau sowie Umwelt- und Gesundheitsschutz zum Wohle der Arbeiter und der Gemeinden. Die Zucker und Alkohol produzierenden Betriebe unterhalten landesweit mehr als 600 Schulen, 200 Tagesstätten, 300 Gesundheitsstationen und fördern diverse weitere Projekte.
PERSPEKTIVEN FÜR DIE DEUTSCH-BRASILIANISCHE ZUSAMMENARBEIT
Seit 2003 sind die Regierungen und Unternehmerverbände der beiden Länder in einer Arbeitsgruppe im Rahmen der traditionellen Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage bemüht, das Potential einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit im Bereich Biokraftstoffe zu erhöhen. Die Arbeitsgruppe hat bereits Synergien zwischen den beiden Volkswirtschaften ausgelotet. Die vorstehenden Kapitel geben dabei einen umfassenden Überblick über die Herstellung von Ethanol und Biodiesel.
Mit Ethanol hat Brasilien einen Treibstoff anzubieten, mit dem Deutschland einen erheblichen Schritt in Richtung eines saubereren, sichereren und wirtschaftlicheren Treibstoffmixes vollziehen könnte. Die volle Nutzung dieses Potentials hängt jedoch davon ab, ob in Deutschland und in der EU ein geeignetes gesetzliches sowie handelspolitisches Regelwerk geschaffen wird, das ein freies Spiel der wirtschaftlichen Kräfte auf dem Markt ermöglicht.
Im Bereich Biodiesel kann Deutschland mit Brasilien Erfahrungen und Technologien austauschen. In Form einer technischen Zusammenarbeit und Investitionen könnte Deutschland die niedrigen Produktionskosten und großen Anbauflächen in Brasilien nutzen. Dieses verfügt wiederum über einen rechtlichen Rahmen, der den Ausbau der Biodiesel-Herstellung im Einklang mit den Prinzipien der Nachhaltigkeit und sozialen Integration begünstigt.
Während der letzten Wirtschaftstage im Juli 2006 in Berlin wurde ein Dokument (das von deutscher Seite noch debattiert wird) über die Perspektiven von Biotreibstoffen auf dem deutschen Markt vorgelegt. Darin wird betont, dass verstärkte Importe von brasilianischem Ethanol für Deutschland von Interesse wären, um dort den Anteil billiger, sicherer und umweltfreundlicher Kraftstoffe am Treibstoffmix zu erhöhen und damit unabhängiger von der Einfuhr fossiler Brennstoffe zu werden.
Der Text unterstreicht die Bedeutung einer stärkeren technologischen Zusammenarbeit im Bereich Biotreibstoffe zwischen dem weltweit größten Ethanolproduzenten Brasilien und dem weltweit größten Biodieselproduzenten Deutschland. Während Deutschland mit einer stärkeren Nutzung von Ethanol in der Lage wäre, seinen Gesamtverbrauch von Biotreibstoffen zu steigern, könnte Brasilien die deutschen Biodieseltechnologien einsetzen, um seine Produktivität zu erhöhen, die bisher niedriger ist als die deutsche.
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BRITISH PETROLEUM (BP) Britisch Petroleum Statistical Review of World Energy 2006. London 2006
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[1] Nach Angaben der British Petroleum lagen der weltweite Erdölverbrauch 2005 bei 81,1 Millionen Barrel/Tag und die nachweislichen Reserven bei 1.201 Milliarden Barrel. Unter Berücksichtigung des Verhältnisses der Vorräte zur Produktion wäre der Bedarf also lediglich für die kommenden 40,6 Jahre gesichert. Die mengenmäßige Kalkulation der Ölvorräte als Hauptenergiequelle für die nächsten Jahrzehnte ist jedoch ein komplexes Unterfangen und hängt von folgenden Faktoren ab: Entdeckung neuer Vorkommen, veränderte Fördermöglichkeiten auf alten Bohrfeldern durch neue Technologien, Förderkosten, Preise für den Wiederverkauf, Handelsbedingungen, internationale politische Lage, Energieeffizienz, ökologische Erwägungen und das weltweite Wirtschaftswachstum. (British Petroleum, 2006)
[2] Bezüglich der Gesamtheit an landwirtschaftlichen Subventionen in Brasilien haben Zahlen der OECD gezeigt, dass Brasilien im weltweiten Ranking der Empfänger von Agrarsubventionen an zweitletzter Stelle steht. Die Subventionen der brasilianischen Regierung belaufen sich auf 3% des Agrar-BIP. Nur Neuseeland erhält mit 2% des BIP noch weniger Subventionen.
[3] Direkte und indirekte Ausfuhren über die „Caribbean Basin Initiative”
[4] Quelle: Ministerium für Landwirtschaft und Versorgung (MAPA) - Ministério da Agricultura, Pecuária e Abastecimento MDIC/Secretaria de Produção e Agroenergia / Departamento da Cana-de-Açucar e Agroenergia
[5] Quelle: Relatório Final do Grupo de Trabalho Interministerial Encarregado de Apresentar estudos sobre a Viabilidade de Utilização de Óleo Vegetal -Biodiesel como Fonte Alternativa de Energia. Brasília, dezembro de 2003
[6] Quelle: Revista de Política Agrícola Ano XV No 3, Jul./Ago./Set. 2006
[7] In Brasilien gibt es etwa 4,1 Millionen kleinbäuerliche Betriebe mit einer Fläche von insgesamt etwa 100 Millionen Hektar mit 13 Millionen Beschäftigten. Um von den Fördermitteln aus dem PNPB profitieren zu können, müssen die Landwirte (Eigner, Anteilseigner, Pächter, Partner oder Siedler) ihr Land mit Familienangehörigen und höchstens zwei Vollzeit-Angestellten bewirtschaften. Darüber hinaus dürfen sie höchstens vier Parzellen (módulos fiscais, von den Gemeinden eingeteiltes Ackerland) besitzen und müssen aus ihrer landwirtschaftlichen und nicht-landwirtschaftlichen Tätigkeit im Betrieb mindestens 80% des Familieneinkommens erzielen. Der Landwirt muss auf dem Hof oder in einer nahegelegenen Ortschaft leben.
[8] “Amazônia Legal” umfasst neben den Regenwäldern selbst auch noch weitere Ökosysteme, wie die Übergangszone zwischen den tropischen Waldgebieten und den Hochlandsavannen „Serrado”.