Unwahrheiten über unser Agrobusiness
Gazeta Mercantil - 15/12/2006
Bereits im Jahr 2003 war Brasilien international an erster Stelle beim Export von Kaffee, Orangensaft, Zucker und Tabak. In den letzten vier Jahren hat das Land auch bei Rindfleisch, Hähnchenfleisch, Sojaprodukten und Ethanol die Führungsrolle übernommen. Diese acht brasilianischen Produkte haben hartumkämpfte Märkte erobert. Interessanterweise wurden diese großartigen Fortschritte nicht auf Grundlage von Abkommen innerhalb der WTO oder Alca oder von bilateralen Vereinbarungen erzielt.
Die Exportsteigerungen sind vielmehr das Ergebnis der Leistungskraft unserer Landwirte, die neue, von der Embrapa und anderen staatlichen Forschungsinstituten entwickelte Technologien auf effiziente Art und Weise anwenden und zu wettbewerbsfähigen Preisen Qualitäten produzieren, die auf dem Weltmarkt nachgefragt werden.
Bemerkenswert ist ferner, dass die Betriebe diese Wettbewerbsfähigkeit trotz unserer massiven Probleme im Bereich Infrastruktur und Logistik erreicht haben, trotz mangelnder Möglichkeiten im Bereich Pflanzenschutz und Tiergesundheit, bei hohem Steuer- und Zinsniveau und einem niedrigen Dollarkurs. Die OECD selbst hat Brasilien das zweitniedrigste Niveau bei Agrarsubventionen bescheinigt, sie betragen hier lediglich 3% der Wertschöpfung des Agrarsektors, dieser Wert wird allein von Neuseeland mit 2% unterboten. Er ist nur deshalb höher als der Neuseelands, weil die Verschuldung der Landwirtschaft aus den 90er Jahren neu verhandelt wurde und für die verlängerte Zurückzahlung Vergünstigungen gewährt werden.
Wenn die oben erwähnten Schwierigkeiten überwunden wären, könnte das brasilianische Agrobusiness noch größere Sprünge machen und mit hochentwickelten Produkten neue Märkte erobern. Zu denken ist hier, neben Blumen und Früchten, Bioprodukten und Baumwolle, an hochwertiges Schweinefleisch. Wenn insbesondere die Verhandlungen zwischen Mercosul und Europäischer Union vorankämen, entspräche dies zusätzlichen Einnahmen des Agrobusiness in Höhe von US$ 2 Milliarden.
Unsere antizyklische Wirtschaftspolitik wird nach und nach reformiert und erlaubt somit auf mittlere Sicht die Eroberung neuer Märkte. Dies ist jedoch ein komplexer Prozess. Andere Exportnationen haben Brasilien Marktanteile überlassen müssen und sind darüber natürlich alles andere als erfreut. Im Gegenteil, sie suchen ausdauernd nach Argumenten um uns zu diskreditieren und als Konkurrenten auszuschalten.
Es ist allgemein bekannt, dass Brasilien über 62 Millionen Hektar Ackerflächen und 200 Millionen Hektar Weideflächen verfügt, von denen wiederum 90 Millionen für den Ackerbau geeignet sind. Es gibt keinen Kontinent, und noch weniger ein Land, das über ein derartiges Potential verfügen würde. Die Konkurrenten begegnen uns daher oft mit Furcht oder sogar Hass.
Beim Versuch, uns ins Abseits zu manövrieren, bedienen sie sich einiger wunder Punkte. So war es bei Fleisch, als im vergangenen Jahr in den Bundesstaaten Mato Grosso do Sul und Paraná einige Fälle von Maul- und Klauenseuche aufgetraten. Obwohl die Maul- und Klauenseuche dem Menschen in keiner Weise gefährlich werden kann, kam es zu stark überzogenen Reaktionen: Mehr als 50 Länder verhängten einen Importstopp für brasilianisches Rind-, Schweine- und sogar Hähnchenfleisch aus Bundesstaaten wie Rio Grande do Sul, das absolut seuchenfrei war. Das Argument der Maul- und Klauenseuche musste sogar für das Verbot der Einfuhr brasilianischen Sojaschrots herhalten. Auch heute noch, Monate nachdem die Maul- und Klauenseuche vollständig unter Kontrolle gebracht wurde, gibt es Länder wie Chile, die auf nicht hinnehmbare Weise das Importverbot für Rindfleisch aufrechterhalten. Andere, wie Russland, lassen nach wie vor kein brasilianisches Schweinefleisch ins Land. Im Grunde legitime Handelsbeschränkungen werden hier in illegitimer Weise und allein im Dienst von Handelsinteressen gebraucht.
Handelsschranken aus Gründen der Tier- und Pflanzengesundheit und des Umweltschutzes sind durchaus begründet, es ist ferner notwendig, die Verbraucherwünsche ernst zu nehmen, wir müssen uns daher ständig der Nachfrage anpassen. Einige Aussagen sind jedoch nicht hinzunehmen, da es sich um dreiste Lügen handelt, denen aufgrund der ständigen Wiederholung am Ende noch Glauben geschenkt wird. Eines dieser Argumente betrifft die Nutzung der Amazonasregion. In Europa wird häufig verbreitet, der Anstieg der brasilianischen Sojaexporte ginge zu Lasten der Rodung der Wälder dieser Region. In Wahrheit werden lediglich 0,3% des brasilianischen Sojas in der Amazonasregion produziert, das ist nicht der Rede wert.
Nun gerät auch noch das Ethanol in die Kritik: Man sagt, wir würden die Regenwälder abholzen und Zuckerrohr zu pflanzen. Das ist höherer Unsinn, da unter anderem die dortige Niederschlagsmenge die Reifung des Zuckerrohrs verhindert. Eine derartige Nutzung wäre also unter technischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten widersinnig. Landwirtschaftsminister Luís Carlos Guedes Pinto hat Zahlen aus einer Studie der Embrapa vorgelegt, die eine eindeutige Sprache sprechen. Dabei geht es darum, was in den letzten Jahrhunderten weltweit mit den Primär- oder Urwäldern geschehen ist. Es genügt an dieser Stelle, den Zeitraum von 1950 bis heute zu betrachten. Im Jahr 1950 hatte Europa 0,9 Prozent der Primärwälder der Erde, Brasilien 18,4 Prozent. Heute besitzt Europa nur noch 0,1 Prozent der Urwälder weltweit, während Brasilien mit 28,3% beteiligt ist! Europa hat seinen Anteil also um den Faktor 9 verringert, während der Anteil Brasiliens um annähernd 10% stieg! Die Europäer sollten also ihre Hausaufgaben machen, bevor sie uns kritisieren.
Die sozialen Bedingungen sind ein weiteres strittiges Thema. Einige Länder wollen unsere Produkte nicht kaufen und argumentieren, diese seien auf der Grundlage von Sklavenarbeit hergestellt worden. Erstens stellen solche Praktiken in Brasilien ein Verbrechen dar und werden von den Behörden sehr wirkungsvoll bekämpft. Zweitens hat die Internationale Arbeitsorganisation ILO Brasilien als „Beispiel für den Kampf gegen Zwangsarbeit“ genannt, die gemeinhin mit Sklavenarbeit gleichgesetzt wird. In Brasilien arbeiten mehr als 17 Millionen Menschen in der Landwirtschaft, und im Jahr 2005 wurden lediglich 4.273 Fälle von Zwangsarbeit aufgedeckt, kein einziger Fall von Sklavenarbeit. Der selben Studie zufolge gab es weltweit etwa 12 Millionen Fälle von Zwangsarbeit, auf Brasilien entfielen weniger als 0,04 Prozent dieser Fälle.
Dies sollten wir deutlich machen. Immer wenn die Argumente stichhaltig sind, müssen wir uns um Abhilfe bemühen, wenn es sich jedoch um Scheinargumente handelt, können wir sie nicht einfach hinnehmen.
Roberto Rodrigues
Koordinator des Zentrums für Agrobusiness der Getúlio-Vargas-Stiftung - FGV, Präsident des Aufsichtsrates für Landwirtschaft des Industrieverbandes São Paulo - Fiesp, Professor für Agrarwirtschaft an der Universität São Paulo Unsp in Jaboticabal und ehemaliger Landwirtschaftsminister.