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Architektur

Kein anderes Land hat im 20. Jahrhundert eine ganze Hauptstadt auf leerem Boden gebaut. Und keines hat den Beton so weich aussehen lassen.

Was prägt die Kolonialarchitektur?

Portugiesische Bauformen, angepasst an Klima und Baustoffe: dicke Mauern, hohe Fenster mit Läden, Innenhöfe, weiß gekalkte Fassaden mit farbig abgesetzten Rahmen. Charakteristisch sind die blau-weißen Fliesenfelder, die Azulejos, die in São Luís ganze Häuserfronten überziehen. Die Altstädte von Salvador, Olinda, Ouro Preto und Paraty stehen auf der Welterbeliste.

Warum ist Brasília als Stadt so ungewöhnlich?

Weil sie vollständig geplant und in nur wenigen Jahren gebaut wurde. Ende der 1950er Jahre entstand mitten im Cerrado eine neue Hauptstadt, um das Land vom Küstenstreifen weg ins Landesinnere zu entwickeln. Den Stadtplan entwarf Lúcio Costa, die Bauten Oscar Niemeyer, die Grünflächen Roberto Burle Marx.

Der Grundriss folgt zwei sich kreuzenden Achsen, entlang derer Funktionen getrennt liegen: Wohnen, Verwaltung, Botschaften, Handel. Diese Trennung gilt heute als Stärke und Schwäche zugleich, weil sie klare Bilder erzeugt, aber die kurze Wege der gewachsenen Stadt fehlen. Brasília wurde 1987 als jüngstes Ensemble seiner Art zum Welterbe erklärt.

Was macht Oscar Niemeyers Handschrift aus?

Die Kurve. Niemeyer arbeitete konsequent gegen den rechten Winkel und nutzte Stahlbeton für Formen, die man ihm zunächst nicht zutraute: freitragende Schalen, aufgestelzte Baukörper, Rampen statt Treppen. Seine Kathedrale in Brasília besteht aus sechzehn geschwungenen Betonrippen, zwischen denen Glas die Wand ersetzt. In Belo Horizonte steht mit dem Ensemble am Pampulha-See sein früher Durchbruch, in Curitiba das augenförmige Museum, das seinen Namen trägt.

Wer war Lina Bo Bardi?

Eine in Italien geborene Architektin, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Brasilien kam und dort ihr Hauptwerk schuf. Ihr Museumsbau an der Avenida Paulista in São Paulo hängt an vier roten Stützen über einer offenen Fläche, damit der Blick auf die Stadt frei bleibt. Im Inneren stellte sie die Gemälde auf freistehende Glastafeln, sodass Besucher zwischen den Bildern gehen statt an Wänden entlang. Ihre Umnutzung einer Fabrik zum Kulturzentrum SESC Pompéia gilt als Vorbild für den Umgang mit Industriebauten.

Was ist tropische Moderne?

Der Versuch, das internationale Bauen des 20. Jahrhunderts an ein heißes, feuchtes Klima anzupassen. Typische Mittel sind Sonnenbrecher vor der Fassade, aufgeständerte Erdgeschosse für Durchzug, tiefe Loggien und Bepflanzung als Bestandteil des Entwurfs statt als Dekoration. Roberto Burle Marx entwarf dafür Gärten, die selbst wie Gemälde komponiert sind, mit heimischen Pflanzen statt europäischen Rabatten.

Wohin lohnt sich die Reise?