Tanz und Musik
Kein anderes Land hat so viele eigene Musikstile hervorgebracht. Wer sie auseinanderhält, versteht Brasilien besser als über jede Statistik.
Welche Musikstile kommen aus Brasilien?
Die brasilianische Musik ist aus drei Wurzeln gewachsen: afrikanischen Rhythmen, die mit den Verschleppten kamen, portugiesischen Melodien und Instrumenten der indigenen Bevölkerung. Aus dieser Mischung entstanden über zwei Jahrhunderte Dutzende eigenständige Stile, die sich regional deutlich unterscheiden.
| Stil | Herkunft | Merkmal |
|---|---|---|
| Samba | Rio de Janeiro, Wurzeln in Bahia | Zweiertakt, Perkussion im Zentrum, Basis des Karnevals |
| Bossa Nova | Rio de Janeiro, Ende der 1950er | Leiser Samba mit Jazzharmonien, Gitarre und Flüsterstimme |
| Choro | Rio de Janeiro, 19. Jahrhundert | Instrumental, virtuos, Vorläufer fast aller späteren Stile |
| Forró | Nordosten | Akkordeon, Zabumba-Trommel, Triangel, Paartanz eng geführt |
| Frevo | Recife und Olinda | Schnelle Bläsermusik, akrobatischer Tanz mit kleinem Schirm |
| Axé | Salvador da Bahia | Karnevalsmusik vom Lautsprecherwagen, Pop mit afrobahianischer Perkussion |
| Maracatu | Pernambuco | Schwere Trommelprozession mit königlichem Zeremoniell |
| Sertanejo | Landesinneres, Centro-Oeste | Erfolgreichster Radiostil der Gegenwart, ländliche Wurzeln |
| Funk carioca | Rio de Janeiro, Vorstädte | Elektronisch, harter Beat, entstanden in den Randbezirken |
| MPB | landesweit, ab den 1960ern | Sammelbegriff für anspruchsvolle brasilianische Popmusik |
Was unterscheidet Samba und Bossa Nova?
Samba ist laut, kollektiv und rhythmusgetrieben. Eine Bateria, also die Trommelgruppe einer Sambaschule, kann aus mehreren hundert Menschen bestehen. Bossa Nova ist das Gegenteil: entstanden Ende der 1950er Jahre in den Wohnungen von Rio, gedacht für Gitarre und eine Stimme, die kaum lauter ist als das Instrument. Der Rhythmus ist derselbe Zweiertakt, aber er wird angedeutet statt geschlagen. Wer beides nacheinander hört, erkennt sofort, dass die Bossa Nova ein Samba im Flüsterton ist.
Wo tanzt man Forró?
Forró ist die Musik des Nordostens und dort Alltag, nicht Folklore. Getanzt wird eng in Paaren, oft auf Hinterhöfen und in einfachen Sälen. Die Besetzung ist klassisch dreiteilig: Akkordeon, die Basstrommel Zabumba und Triangel. Ihren Höhepunkt hat die Forró-Saison im Juni bei den Festas Juninas, dann wird in fast jeder Kleinstadt zwischen Recife, Fortaleza und dem Landesinneren getanzt.
Welche Instrumente prägen den Klang?
- Cavaquinho: kleine viersaitige Gitarre, Melodieträger im Samba
- Pandeiro: Rahmentrommel mit Schellen, gilt als schwierigstes Perkussionsinstrument des Landes
- Surdo: große Basstrommel, gibt der Bateria den Puls
- Berimbau: Musikbogen mit Kalebasse, unverzichtbar bei der Capoeira
- Agogô und Cuíca: Doppelglocke und Reibtrommel, sorgen für die typischen hohen und quietschenden Farben
- Zabumba: flache Basstrommel des Forró, mit Schlägel und Stock gleichzeitig gespielt
Wo hört man welche Musik?
Die Regel ist einfach: Je weiter nördlich, desto stärker die afrobrasilianischen Rhythmen, je weiter südlich, desto europäischer die Einflüsse. In Salvador dominieren Axé und die Trommelgruppen, in Recife und Olinda Frevo und Maracatu, in Rio Samba und Funk, im Centro-Oeste Sertanejo, im Sul hört man Gaúcho-Musik mit Akkordeon, die eher nach Argentinien und Uruguay klingt als nach Bahia.
Wie hängen Musik und Karneval zusammen?
Jede große Karnevalsstadt hat ihren eigenen Sound. Rio tanzt Samba-Enredo, also eigens komponierte Lieder zum Motto der jeweiligen Schule. Salvador fährt Axé auf dem Trio elétrico durch die Straßen, einem Lastwagen mit Bühne und Lautsprecherwand. Recife und Olinda gehören dem Frevo und den übergroßen Puppen. Mehr dazu steht bei den Festen.