Literatur
Ein Erzähler, der zugibt, dass er tot ist. Eine Autorin, die den Alltag zum Abgrund macht. Brasiliens Literatur ist unbequemer, als ihr Ruf vermuten lässt.
Wer gilt als wichtigster Autor Brasiliens?
Joaquim Maria Machado de Assis, 1839 in Rio de Janeiro geboren, Sohn eines Anstreichers und einer Wäscherin, Autodidakt, später Gründungspräsident der Academia Brasileira de Letras. Sein Roman über die Erinnerungen eines Verstorbenen beginnt damit, dass der Erzähler seinen eigenen Tod schildert und sich anschließend rückwärts durch sein Leben arbeitet. Diese Ironie, die den Leser ständig anspricht und verunsichert, war 1881 ohne Vorbild.
Welche Epochen sollte man unterscheiden?
| Epoche | Zeitraum | Kennzeichen |
|---|---|---|
| Romantik | 19. Jahrhundert | Indigene Figuren als nationale Gründungsmythen |
| Realismus | ab 1880 | Machado de Assis, psychologische Genauigkeit und Ironie |
| Moderne | ab 1922 | Bruch mit europäischen Vorbildern, eigene Sprache und Themen |
| Regionalismus | 1930er Jahre | Dürre, Landflucht und soziale Not im Nordosten |
| Gegenwart | seit den 1970ern | Stadt, Gewalt, Erinnerung, zunehmend auch Stimmen aus der Peripherie |
Welche Bücher eignen sich zum Einstieg?
- Jorge Amado schrieb Bahia in die Weltliteratur, sinnlich, komisch und politisch. Seine Romane sind der zugänglichste Einstieg und liegen weitgehend auf Deutsch vor.
- Clarice Lispector, in der Ukraine geboren, in Recife aufgewachsen, schreibt scheinbar über Alltägliches und öffnet darin Abgründe. Ihre Erzählungen sind kurz und fordernd.
- Graciliano Ramos schildert im Regionalismus die Dürre des Sertão in einer Sprache, die so karg ist wie die Landschaft.
- Guimarães Rosa erfindet für den Hinterland-Roman eine eigene Sprache aus Dialekt, Neuschöpfungen und Rhythmus, anspruchsvoll, aber prägend.
- Paulo Coelho ist der meistverkaufte lebende Autor des Landes, in der brasilianischen Literaturkritik allerdings umstritten.
- Carolina Maria de Jesus führte als alleinerziehende Müllsammlerin in São Paulo Tagebuch. Ihr Buch wurde ein Welterfolg und ist bis heute eines der wenigen Zeugnisse, das aus der Favela selbst stammt.
Was ist die Academia Brasileira de Letras?
Eine 1897 nach französischem Vorbild gegründete Gelehrtengesellschaft mit vierzig Sitzen auf Lebenszeit. Wer stirbt, wird durch eine Wahl ersetzt, die Aufmerksamkeit erregt. Die Akademie pflegt die portugiesische Sprache in Brasilien und gibt das maßgebliche Wörterverzeichnis der Rechtschreibung heraus.
Wie kommt man an brasilianische Literatur auf Deutsch?
Ein erheblicher Teil der Klassiker ist übersetzt, allerdings oft in älteren Ausgaben, die nur antiquarisch zu haben sind. In den letzten Jahren haben mehrere Verlage Machado de Assis und Clarice Lispector neu übersetzt. Wer Portugiesisch liest, findet viele ältere Werke frei zugänglich, weil die Schutzfrist abgelaufen ist.