Bildende Kunst
Vom Barock aus Speckstein bis zu Werken, die man anfassen und tragen sollte: Brasiliens Kunst hat mehrfach ihre eigenen Regeln geschrieben.
Wo beginnt die brasilianische Kunstgeschichte?
Lange vor der Kolonialzeit, mit den Felsmalereien im Nordosten, die zu den ältesten Zeugnissen menschlicher Anwesenheit auf dem Kontinent gehören. Die erste große Epoche mit eigener Handschrift ist der Kolonialbarock des 18. Jahrhunderts in den Goldstädten von Minas Gerais.
Wer war Aleijadinho?
Antônio Francisco Lisboa, genannt Aleijadinho, arbeitete im 18. Jahrhundert in Ouro Preto und Umgebung als Bildhauer und Baumeister. Er schuf Kirchenfassaden, Altäre und die Prophetenfiguren aus Speckstein in Congonhas. Sein Barock ist weicher und plastischer als das europäische Vorbild und gilt als erste eigenständige Kunstsprache des Landes. Ein Großteil der Werke steht heute unter Denkmalschutz.
Was war die Woche der modernen Kunst?
Im Februar 1922 fand in São Paulo die Semana de Arte Moderna statt, eine Veranstaltungsreihe aus Ausstellung, Konzert und Lesung, die als Geburtsstunde der brasilianischen Moderne gilt. Der Bruch war programmatisch: Statt europäische Vorbilder nachzuahmen, sollte eine eigene, brasilianische Formensprache entstehen.
Aus dieser Bewegung ging der Antropofagismo hervor, ein Bild, das für sich selbst spricht: Fremde Einflüsse werden nicht abgelehnt, sondern verschlungen und in etwas Eigenes verwandelt. Tarsila do Amaral gab dieser Idee mit Gemälden wie den überzeichneten Figuren in tropischen Farben ihr bekanntestes Gesicht.
Welche Malerinnen und Maler sollte man kennen?
- Tarsila do Amaral, Hauptfigur der Moderne, Farbflächen und überzeichnete Körper
- Candido Portinari, Maler der Arbeitswelt und der Migration, gestaltete unter anderem Wandbilder für das UNO-Hauptquartier
- Anita Malfatti, deren Ausstellung von 1917 den Streit auslöste, aus dem die Moderne hervorging
- Lygia Clark und Hélio Oiticica, die in den 1960ern die Grenze zwischen Werk und Betrachter aufhoben: Objekte sollten bewegt, getragen, betreten werden
- Beatriz Milhazes, Gegenwart, überlagerte Ornamentschichten in kräftigen Farben
Wo sieht man die Werke?
Die größten Sammlungen liegen in São Paulo und Rio de Janeiro. Das MASP an der Avenida Paulista zeigt europäische und brasilianische Kunst auf freistehenden Glastafeln statt an Wänden, eine Idee der Architektin Lina Bo Bardi. Die Pinacoteca do Estado konzentriert sich auf brasilianische Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts. Für den Kolonialbarock lohnt die Reise nach Minas Gerais, dort steht die Kunst in den Kirchen, für die sie gemacht wurde. Alle zwei Jahre findet in São Paulo die Biennale statt, nach Venedig die zweitälteste der Welt.
Wie hängt Kunst mit dem Bauen zusammen?
Eng, weil die Moderne beides gleichzeitig erfasste. Wandbilder von Portinari finden sich an Bauten von Oscar Niemeyer, Gartenanlagen von Roberto Burle Marx sind selbst Kompositionen aus Farbfläche und Linie. Mehr dazu unter Architektur.